07 – Did you mean aromatic? – A*Perspektiven in der Forschung

[Kate] Ich wollte unbedingt über A* Themen forschen.

[Kate] Man hat das Gefühl man ist so komplett in der Grundlagenforschung drin und wird damit so ein bisschen allein gelassen.

[Franca] Ich lese diese Bücher beide und ich denke mir so, Leute, tut euch mal zusammen!

[Lotta] Aber da ist auch immer die Frage, darf ich das in der wissenschaftlichen Arbeit zitieren oder eher nicht?

[Franca] Wie gehen wir damit um, dass in einem Forschungsfeld, in dem einfach kaum etwas publiziert wurde, der Eindruck entsteht, es gäbe kein Wissen?

[Kate] Ich bin keine Pflanze, wenn ich über Pflanzen forsche bin ich trotzdem nicht objektiv

[Lotta]  […] und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Ace around the Cake – dem Podcast von und für A* Menschen. Ich bin Lotta, ich habe keine bevorzugten Pronomen, und ich identifiziere mich als asexuell alloromantisch

[Franca] Ich bin Franca, meine Pronomen sind sie/ihr und ich bin asexuell und heteroromantisch

[Alan] Ich bin Alan, meine Pronomen sind er/ihm, ich bin asexuell und queer. Außerdem sind wir alle ablebodied und weiß. In diesem Podcast besprechen wir verschiedene A*Themen, von denen wir das Gefühl haben, dass sie in der gesellschaftlichen Debatte häufig zu kurz kommen. Wir sind hier heute mit der siebten Folge unseres Podcasts und wir wollten darüber sprechen, wie es eigentlich ist, zu Aromantik und Asexualität zu forschen und sich an der Uni damit zu beschäftigen.

[Franca] Ja, wir bevor wir inhaltlich mit dem Thema starten, wollen wir euch natürlich noch kurz erzählen, warum wir uns überhaupt mit dem Thema beschäftigen. Nun, A* Themen in der Forschung, das klingt vielleicht auf den ersten Blick etwas elitär, oder zumindest so dass es nur einige Personen betrifft, aber wir wollen am Anfang noch dazu sagen, wir beschäftigen uns mit dem Thema nicht, weil wir denken, dass z.B ein Studium wichtiger ist als eine Ausbildung, sondern einfach weil Wissenschaft eine sehr sehr wichtige Quelle in unserer Gesellschaft ist, um Wissen auch über A* Themen zu verbreiten und um sich über A* Themen zu informieren. Und, genau, wir leben eben in einem akademischen System, wir drei sind auch alle an der Uni, das heißt es ist auch ein Stück weit unsere Alltagserfahrung die wir machen und wir persönlich fanden das einfach sehr sehr interessant, mal zu überlegen, wie ist es eigentlich wenn ich mich an der Universität oder auch generell in der Forschung mit A* Themen beschäftige? 

[Alan] Ja, und hier hätten wir euch gerne mal gezeigt, wie viel oder wenig Forschung zu Asexualität und Aromantik es eigentlich gibt, aber wir sind dabei schon mit unserer Vorbereitung auf Probleme gestoßen, weil wenn man zum Beispiel ‘asexuality’ auf Google Scholar sucht, kriegt man zwar 24.000 Ergebnisse, aber die meisten beziehen sich gar nicht auf asexuell als sexuelle Orientierung, sondern zum Beispiel auf ungeschlechtliche Fortpflanzung, also Biologie. Zum Vergleich, wenn man ‘Homosexualität’ sucht, bekommt man ungefähr 740.000 Ergebnisse, also ungefähr 30 Mal so viel.

[Franca] Und aus diesem Grund haben wir uns entschieden, in dieser Folge über die Herausforderung zu sprechen, die damit einhergehen wenn man sich entscheidet an der Uni über A* Themen zu forschen. Dafür haben wir zwei Personen mitgebracht, einmal Lotta, Lotta kennt ihr schon, Lotta ist ja auch Teil unseres Podcasts, und dann haben wir noch eine weitere Gästin, und zwar Kate. Vielen vielen Dank, dass du da bist.

[Alan] Ja, schön, dass ihr beide da seid. Lotta kennt ihr ja schon, aber Kate, kannst du dich mal kurz vorstellen? Wofür interessierst du dich so, was beschäftigt dich, was studierst du, was machst du sonst so mit deinem Leben?

[Kate] Ja, das ist – es ist kompliziert, also ich bin im Erstberuf Musicaldarstellerin, arbeite auch in dem Job, und habe mich dann, weil ich während Corona nichts zu tun hatte, entschieden doch noch Psychologie zu studieren weil das immer so eine Leidenschaft von mir war. Und jetzt bin ich im sechsten Bachelorsemester, schreibe jetzt auch gerade meine Bachelorarbeit, mit 27 bin ich da relativ spät dran, allerdings bin ich an der Fernuni Hagen und da bin ich gar nicht mehr so spät dran, weil das sind ganz viele die Berufstätig sind. Genau, also es war so eine Hobby Entscheidung, aber es macht mir super viel Spaß und ja. Und ansonsten interessiere ich mich für viele Dinge, also ich lese sehr gerne, ich nähe, ich mache Poledance, was manchmal ein bisschen schräg wirkt, vor allem mit Bezug auf das Thema dieses Podcasts. Ja, das ist so das erste so über mich.

[Franca] Ja, danke auf jeden Fall, dass du heute dabei bist. Jetzt verbindet Lotta und Kate hier eine Sache, und zwar dass ihr euch schon mit A* Themen beschäftigt habt oder gerade dabei seid euch mit A* Themen auch im Uni-Kontext zu beschäftigen. Und bevor wir da jetzt tiefer einsteigen, würde ich euch beide einfach mal fragen, wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen zu A* Themen zu forschen und in welchem Kontext hat das stattgefunden? Lotta, magst du anfangen?

[Lotta] Ja gerne, ja also wie viele von euch ja wissen, studiere ich Sprachwissenschaft zusammen mit Alan, aber ich studiere nicht nur Sprachwissenschaft sondern auch Gender Studies im Nebenfach und ja, Gender Studies, ich muss sagen ich bin ein bisschen enttäuscht davon – von dem Fach, weil ich am Anfang dachte, das wäre so super divers und es ist bestimmt sehr cool, dass man in viele Bereiche reinschauen kann und das ist sehr viel diverse als andere Studiengänge, das auf jeden Fall, und interdisziplinärer, aber dennoch ist es insgesamt sehr binär und mir ist auch aufgefallen, dass halt A* Themen leider überhaupt keine Rolle spielen. Also ich bin jetzt mittlerweile im vierten bzw fünften Semester, in dem ich Veranstaltungen aus Gender Studies belege, und jetzt ist es tatsächlich zum ersten Mal vorgekommen, dass ein Dozent das Wort Amatonormativität und Asexualität in den Mund genommen hat, das ist mir davon noch nie begegnet. Aber was ich sehr oft hatte, ist dass ich Texte gelesen habe für die Seminare und dann gedacht habe, das könnte man super mit irgendwelchen Diskursen und Themen verbinden, die etwas mit Asexualität und Aromantik zu tun haben, also diese Verbindung ist mir ganz oft aufgefallen, aber leider spielen sie in dem Kontext an der Uni sehr selten eine Rolle.

[Kate] Ja, bei mir ist es tatsächlich so – ich glaube ich habe einfach Glück, weil ich schreibe meine Bachelorarbeit im Fach Community-Psychologie und da ist Hagen eine der wenigen Unis, die das anbieten, und das ist tatsächlich ein relativ diverses Fach. Also in Community-Psychologie per se geht es grundsätzlich um Menschen in ihren Communitys, also in ihre größeren Umgebung, das kann auch eine Stadtteil sein zum Beispiel, aber weil es halt irgendwie sonst nirgends so richtig drunter fällt, landen da auch die ganzen queeren Themen drin, und entsprechend auch weil wir eine nicht binäre Dozent*in in diesem Fach haben, landet da irgendwie alles ein bisschen mit drin, was total cool ist, und die sind super offen. Und ich hatte dann Glück, dass ich auch tatsächlich in das Fach zugeordnet wurde, weil – für meine Bachelorarbeit, und ich wollte unbedingt über A* Themen forschen, einfach auch weil ich selber Teil des asexuellen Spektrums bin, weil es so schwer ist dazu Forschung zu finden, und weil ich ein ganz ganz großer Fan davon bin, Dinge zu quantifizieren – und ich weiß, das geht nicht allen so, aber ich will immer alles quantifizieren und da gibt’s kaum was, und dann war das so die ideale Lösung, tatsächlich auch darüber meine Bachelorarbeit zu schreiben. Und ich bin total happy, dass auch mein eigenes Thema durchgegangen ist bei der Kommission. Ja, das war tatsächlich so vor allem so eine innere Motivation.

[Franca] Ja, erzähl doch mal – du hast gesagt, du schreibst vor allem quantitativ, was genau ist denn dein Thema und wie bist du darauf gekommen, was beschäftigt dich?

[Kate] Ja, mein Thema ist der Versuch, die Häufigkeit sexueller Anziehung zu quantifizieren, und zwar im Vergleich zwischen allosexuellen und asexuellen Menschen, und da kann man jetzt super debattieren ob das unbedingt sein muss, aber ich finde es vor allem interessant. Mir ist der Gedanke gekommen, weil ich auf die Asexuality Identification Scale gestoßen bin bei meiner Recherche darüber, über welches genaue A* Thema ich dann schreiben könnte und mir dachte, okay, das ist – man kann darüber debattieren, wie gut diese Skala – also es quasi ein Fragebogen mit 12 Fragen, der misst inwieweit man auf dem asexuellen Spektrum ist, und viele dieser Fragen beziehen sich auch auf generell eine Aversion gegen Sex. Also man kann darüber debattieren, ob dieser Fragebogen eigentlich tatsächlich so geeignet ist, wie die Forschungsgruppe das gerne hätte, aber zumindest ist es irgendwie ein Tool – ein existierendes Tool, ein wissenschaftlich anerkanntes Tool, auf eine gewisse Art – mit dem ich erstmal als Einsteiger in den Bereich arbeiten kann, wenn ich andere davon überzeugen möchte, dass es mehr Forschung zu dem Thema braucht. Und dann dachte ich mir, okay, kann man damit nicht vielleicht damit und noch ein paar zusätzlichen Fragen nicht vielleicht quantifizieren, wie oft Leute sexuelle Anziehung empfinden? Weil mein bester Freund ist allo, erst sehr allo, und ich finde sowas super interessant, wenn wir uns über das Thema unterhalten, wie krass unsere Erfahrungen – wie unterschiedlich unsere Erfahrungen sind, und ja es hat mich einfach interessiert, wie das in der allgemeinen Bevölkerung aussieht. 

[Franca] Also vielleicht dazu noch eine Nachfrage. Es geht Dir vor allem darum herauszufinden, wie oft allo Menschen sexuelle Anziehung erleben oder generell?

[Kate] Generell. Also es – genau, also ich versuche quasi, das Spektrum zu quantifizieren, also gibt es einen Cut-off Wert, wie diese Asexuality Identification Scale hat, also gibt es quasi – wir haben ein allo Spektrum und Leute sind halt irgendwo auf dieser Skala von “Ich empfinde einmal in der Woche sexuelle Anziehung” bis “25 Mal am Tag” und ein extra asexuelles Spektrum, oder gibt es ein großes Spektrum das irgendeinen fließenden Übergang hat? Und das ist im Endeffekt die Forschungsfrage.

[Alan] Ja, das klingt super interessant. Ja, auf was für Herausforderungen stößt man da so, auch im Austausch mit Dozierenden, Professor*innen und so, wenn man so ein Thema dann vorschlägt, einbringt, daran arbeitet?

[Kate] Da hatte ich tatsächlich sehr viel Glück. Also, meine Bachelorarbeit Betreuung ist super supportive, die schreibt mir teilweise Anmerkungen an meine Notizen ran “da sollten Sie mal in Zukunft gucken bei ihrer zukünftigen Forschung,” okay ich muss erstmal die Bachelorarbeit bestehen und dann reden wir weiter, aber ich glaube es ist vor allem ein sehr großer Teil an Nichtwissen, also auch meine Betreuung hat selber gesagt sie findet das Thema super spannend, aber eigentlich kennt sie sich überhaupt nicht aus. Und man muss halt wirklich immer beim Urschleim anfangen, weil die Leute tatsächlich einfach keine Ahnung haben, weil sie vielleicht maximal das Wort schon mal gehört haben, aber da hört es dann auch schon wieder auf.

[Franca] Und das Wort dann nicht mal unbedingt mit der richtigen Bedeutung. Also ich glaube, das ist natürlich auch – also das ist ja nicht nur wissenschaftlichen Kontext, sondern allgemein dass Leute dann mit Asexualität z.B erstmal assoziieren “Okay, Person hat keinen Sex” oder “Person will keinen Sex” und das ist ja – hat ja nichts mit Anzieung zu tun.

[Lotta] Ja genau, das ist nämlich die Erfahrung, die ich gemacht habe, als ich meine Hausarbeit geschrieben habe. Beziehungsweise ich habe sie zweimal angefangen ich habe – in einem Seminar wollte ich eigentlich erst die Hausarbeit schreiben, auch zum Thema eben Asexualität und Aromantik, und die habe ich dann auch wegen anderen Gründen abgebrochen, aber ein Grund war auch das halt meine Dozentin so irgendwie gegen dieses Thema war, hatte ich das Gefühl, also sie kann dann mit lauter Gründen an dass ich das aber auch irgendwie rechtfertigen müsste, warum ich zu Asexualität und Aromantik schreibe in der Arbeit und halt auch, dass ich auch auf jeden Fall den Begriff sehr kritisch sehen sollte, also ich glaube sie kam halt mehr so aus dieser Ecke im Sinne von, ja Frauen mussten jahrelang sich überhaupt Sexualität erkämpfen, dass sie quasi sexuelles Begehren auch empfinden und empfinden dürfen, und die hat das glaube ich einfach wieder als Bedrohung angesehen, so als würde ich dann anderen Person ihre Sexualität absprechen wollen. Also, das war für mich sehr unverständlich und da habe ich das dann einfach abgebrochen und meine zweite Hausarbeit – also die zweite Hausarbeit, die ich angefangen habe und dann auch beendet habe, die habe ich dann zu Alice Oseman geschrieben und Sarah Ahmed also bzw nicht zu Alice Oseman, sondern zu Loveless von Alice Oseman, das meinte ich, und zwar zu Sarah Ahmed – das war nämlich auch wieder so typisch, dass ich einen Text gelesen habe für das Seminar, das hieß Affekt und Geschlecht, wo man sich eben damit beschäftigt hat wie Affekt und Geschlecht zusammenhängt, welche Arten von Affekten man empfindet, wie das geschlechtlich verteilt ist, und es gibt so ein Konzept von Sarah Ahmed – ich versuche es kurz zu erklären, und zwar dass wir mit bestimmten Objekten und Vorstellungen eben Glück verbinden innerhalb der Gesellschaft, und dass das auch gleichzeitig ein Prozess ist, wie die Gesellschaft durch diese, ja durch dieses Glücksversprechen – also, ihr Buch heißt auch The Promise of Happiness – eben Normen festlegen kann, und so zum Beispiel die heterosexuelle Ehe, heterosexuelle Liebe als die Normvorstellung und das Glücksversprechen schlechthin in der Gesellschaft fungiert. Und da ist mir halt auch aufgefallen in ihrem Buch; Ich bin großer Fan davon, dass sie halt sich aber ja gar nicht mit irgendwie Armatonormativität oder Allosexualität und Allonormativität beschäftigt hat und ich dachte eigentlich war super passend, weil sie redet eben davon sogar wie Liebe als Glücksversprechen innerhalb der Gesellschaft manifestiert wird, als Norm, aber sie macht dann nicht noch diesen Bogen um weiterzugehen zur Amatonormativität und da dachte ich das ist irgendwie, das ist eine Lücke, weil ich zur gleichen Zeit eben auch “Loveless” von Alice Oseman gelesen hab, dachte ich das kann man super miteinander verbinden, weil ich in “Loveless” ganz viele Punkte davon entdeckt habe. Ja, aber wie das wird weiß ich nicht, weil ich tatsächlich die Hausarbeit immer noch nicht zurückbekommen habe. Ich bin sehr gespannt darauf, was die Reaktion von der Dozentin sind.

[Kate] Ich will kurz gern einhaken, weil finde das super interessant, weil gleichzeitig hat man diese Norm in der Gesellschaft, dass Liebe und Sex uns alle glücklich macht und auf der anderen Seite ist es ja quasi eine komplette Postkartenkategorie: “Mein Ehepartner ist scheiße”. Also ne, also das koexistiert so und hier wird nicht hinterfragt und ich finde da kann können A*-Themen eigentlich auch ein Stück weit eine neue Perspektive drauf geben, weil wenn Menschen aus dem A*-Spektrum Beziehungen eingehen, welche Form auch immer, gerade wenn es eine Beziehung ist, die vielleicht nicht der – dem ursprünglichen Label zusammenfällt. Also jetzt, wenn eine asexuelle Person eine sexuelle Beziehung eingeht oder eine aromantische Person eine romantische Beziehung – aus welchen Gründen auch immer – dann gibt man sich nicht so schnell mit irgendwelchen Kompromissen zufrieden und ich denke da kann man super viel voneinander lernen. Auch Allomenschen von asexuellen und aromantischen Menschen umgekehrt.

[Franca] Absolut. Ich glaube, was du ansprichst, ist auch etwas, was mir aufgefallen ist. Dass nämlich einerseits gibt es viel feministische Literatur, die eben auch darüber reflektiert,  wie viele Menschen doch in toxischen Beziehungen sind oder in Beziehungen, die einfach nicht gut sind, einfach weil sie eben diesem Versprechen nachkommen wollen, dass eine Beziehung sie glücklich macht. Und dann gibt es nicht viel, aber es gibt ein bisschen A-Literatur, die eben darüber reflektiert, was es eben bedeutet, keine sexuelle oder romantische Anziehung zu haben. Aber es gibt kaum Literatur, die das verbindet. Also praktisch diese feministischen Perspektiven auch auf A-Themen oder A-Personen, die sich dann wiederum z. B. mit feministischen Konzepten von Sex auch beschäftigen. Und ich finde das so störend, weil ich lese diese Bücher beide und ich denke mir so, Leute, tut euch mal zusammen und sprecht euch mal ab. Ihr könntet so viel voneinander lernen, aber es geschieht eben noch nicht, weil momentan A-Themen noch so eine Bubble für sich sind. Und Feminismus wird ja auch immer größer, aber beschäftigt sich leider auch noch nicht ausreichend mit A-Themen. Das ist auf jeden Fall sehr interessant.

[Lotta] Ja, genau das, was du gerade gesagt hast, habe ich vielleicht so ein bisschen dann im Kleinen empfunden. Und daraus ist dann auch der Wunsch resultiert, über was ich meine Hausarbeit dann schreiben wollte. Weil ich ja, wie gesagt, parallel quasi diesen Text von Sarah Ahmed gelesen habe und Loveless. Und ich war so, das passt so gut zusammen! Warum hat Sarah Ahmed sich nicht auch mit Loveless beschäftigt? Sie hat ganz viele queere Fiktionen in ihrem Buch thematisiert und zu ihrem Thema eben auch darüber nachgedacht. Aber halt, es waren fast immer nur homosexuelle Charaktere, die eben dieser Fiktion vorkamen, wozu sie dann geschrieben hat. Und halt auch alle allosexuell. Und ja, ich glaube, über verschiedene Formen der romantischen Anziehung hat sie gar nicht gesprochen. Das ist halt auch leider komplett unter den Tisch gefallen.

[Franca] Ja, anknüpfend daran würde ich euch gerne beide mal fragen. Ihr seid ja im Forschungsprozess auch auf Literatur angewiesen oder auf Theorien, die ihr vielleicht als Grundlage nehmt. Und ich denke, das ist durchaus auch eine Herausforderung, weil wir auch schon festgestellt haben, dass es einfach nicht so viel Literatur gibt. Vielleicht erst mal, Kate, wie genau bist du denn da eigentlich in der Recherche vorgegangen? Also hast du einen Theorie-Teil? Wie genau baust du den auf? Welche Herausforderungen ergaben sich für dich in der Literaturrecherche?

[Kate] Ja, dadurch, dass ich ja über sexuelle Anziehung schreibe, arbeite ich ganz viel mit dem Split-Attraction-Model. Aber es ist halt wie immer, es ist halt ein Modell. Es bildet nicht die komplette Wirklichkeit ab. Es bildet nicht für alle Menschen die Wirklichkeit ab. Manche Menschen können da total kleinteilig unterscheiden: Das, das, das empfinde ich. Und für andere ist es so, keine Ahnung. Es ist irgendwie alles und nichts gleichzeitig. Also es ist am Ende nie so divers, wie man eigentlich gerne wäre. Aber irgendwo muss man halt eine Abstriche machen, weil man sonst nicht fertig wird. Und gerade wenn man alleine forscht, wie man es jetzt eben bei der Bachelor-Arbeit oder bei der Hausarbeit macht, dann hat man irgendwo, muss man einfach eine Grenze ziehen, weil man hat eine bestimmte Zeitspanne und man muss irgendwie reduzieren. Ja, und klar habe ich einen Theorie-Teil. Ich muss erstmal super viel definieren. Ich muss Asexualität definieren. Ich muss Allosexualität definieren. Ich muss die verschiedenen Anziehungsformen definieren. Ich muss Sex definieren. Das ist auch, gestaltet sich als schwerer als gedacht. Also ich habe schon so eine Arbeitsdefinition, aber die werde ich wahrscheinlich dann doch nochmal überarbeiten müssen, wenn ich dann endlich auch tatsächlich die Arbeit fertig schreibe. Ja, es ist, man hat das Gefühl, man ist so komplett in der Grundlagenforschung drin und wird damit so ein bisschen allein gelassen irgendwie, weil es einfach noch nicht viel gibt.

[Franca] Auf welche Quellen beziehst du dich dann zum Beispiel?

[Kate] Also ich habe so die Erfahrung jetzt gemacht, bei aller Recherche, es gibt schon ein paar Sachen, es gibt auch gerade in der Psychologie schon ein paar Papers, in denen Asexualität irgendwie so zumindest ansatzweise mitgedacht wird, aber am Ende kommt man eigentlich immer bei den immer selben drei Quellen raus und das ist halt der Asexuality Community Census. Also diese Befragung, diese Riesenbefragung, die jedes Jahr durchgeführt wird und auch super toll aufgearbeitet und kann man sich durchlesen. Ich glaube, die aktuellste Auswertung ist von 2019 oder 2020, weil es ist halt komplett Community basiert. Das machen Leute freiwillig, aber total toll. Aber diese Studie denkt halt vor allem asexuelle und aromantische Menschen. Also da gibt es nicht viele Vergleiche zu Allo-Menschen. Genau, das ist so das eine, denn Bogart, der einen relativ großen Bevölkerungs-Census mal ausgewertet hat in Hinblick auf Asexualität und die Forschungsgruppe um Yule, Brotto und Gorzalka, die die Asexuality Identification Scale auch entwickelt haben, die haben, glaube ich, mit am meisten psychologische Forschung zu dem Thema betrieben. Und da hört es eigentlich schon wieder auf und alles andere sind Sekundärquellen.

[Franca] Lotta, wie war das bei dir im Rechercheprozess?

[Lotta] Ja, ich fand es auch ziemlich schwierig. Ich glaube, das, was du, Kate, mit der Grundlagenforschung gesagt hast, kann ich so unterschreiben. Man hat das Gefühl, man hat gar nicht so richtig viel, woran man sich festklammern kann und muss selbst eigentlich noch ganz viel erarbeiten. Und gleichzeitig wird aber auch immer verlangt, dass du ja super viele Quellen zitieren kannst. Und das ist je nach Thema super schwierig. Also ich habe gerade noch mal in die Literaturliste von meiner Hausarbeit geguckt und ich habe tatsächlich eine einzige Quelle gehabt, von der ich dachte, okay, da kann ich was zu Aromantik schreiben, die kann ich dann zitieren. Und sonst ist halt auch immer die Frage, welche z.B. Internetforen kann man auch zitieren. Also es gibt z.B. bei AVEN gibt es ja auch super viel zu Asexualität und es gibt auch ein Forum zur Aromantik. Aber da ist auch immer die Frage, darf ich das in der wissenschaftlichen Arbeit zitieren oder eher nicht? Und trotzdem ist es halt so schwierig, wenn man dann irgendeine Definition schreibt, damit auch mehr zu umfassen. Das Schwierige ist vielleicht auch, dass man es erstmal definieren muss. Wenn ich z.B. jetzt eine Arbeit über Homosexualität schreiben würde oder Heterosexualität, müsste ich weniger definieren, glaube ich, oder hätte zumindest viel mehr Literatur zur Auswahl, wo ich dann auch gute Zitate und gute Belege für meine Hypothesen finde, als es jetzt bei Aromantik und Asexualität der Fall ist. Also zu Asexualität findet man schon ein bisschen mehr, würde ich sagen, gerade wenn man erstmal drin ist in dem Prozess und anfängt zu suchen und sieht, okay, die zitieren von dort und die zitieren von dort und dann kann man so gucken, ob man das auch findet. Und dann gibt es mehr, als ich im ersten Moment, als ich davor erwartet hatte. Aber zur Aromantik habe ich sehr, sehr wenig gefunden.

[Franca] Ja, was du angesprochen hast, finde ich insofern auch ganz interessant, weil es bezieht sich ja auf die Frage, was erkennen wir eigentlich als Wissen an. Also du meintest es gibt ja auch in der A-Community viele Quellen, die vielleicht keine wissenschaftlich veröffentlichten Papers sind,die aber Forenbeiträge sind oder Websites von Aspec*German, wo ja auch super viele Informationen gesammelt sind. Aber wir leben nun mal in einer Gesellschaft, die anerkennt, Wissenschaft bedeutet: Ein Paper muss so und so aussehen, muss in einem Genre veröffentlicht sein und nur dann dürfen wir es zitieren. Was natürlich irgendwo dann andere Qualitätsstandards vielleicht hat als ein Forenbeitrag, den jemand in einem Forum postet, aber grundsätzlich müssen wir uns fragen, wie gehen wir damit um, dass in einem Forschungsfeld, in dem einfach kaum etwas publiziert wurde, somit der Eindruck entsteht, es gäbe kein Wissen, weil das Wissen ist ja da, wir haben es vielleicht nur noch nicht in diesem Academia-Format formuliert, aber irgendwo müssen wir ja anfangen. Es kann ja nicht dabei bleiben, dass es so wenig Quellen gibt. Und das ist jetzt wieder die Frage an euch, wie hat denn auch diese Quellenlage, diese geringe Quellenlage eure Forschung beeinflusst? Gabs vielleicht Momente, wo ihr euch gedacht habt: “Ok, dass schaff ich jetzt nicht, weil ich zu wenig habe, worauf ich mich da stützen kann?”

[Kate] Also bei mir war es am Anfang schon ein bisschen überfordernd, dass ich einfach mit gefühlt gar nichts dastand und wirklich erstmal viel suchen musste. Und ich hatte wirklich am Anfang Bedenken, ob ich überhaupt genügend Quellen finde, um die Hausarbeit zu schreiben. Weil ich war eigentlich schon überzeugt von meinem Thema, aber ich war halt nicht so ganz überzeugt von der Menge an Literatur, die ich da hatte. Und das gestaltete sich schon sehr sehr mühsam, um da etwas aufzutreiben und vor allem dann haben halt auch, wie wir gesagt haben, wenn man Asexuality eingibt zum Beispiel, findet man schon einige Beiträge, aber die müssen halt auch zum Thema passen. Und das bringt mir nichts, wenn ich dann lauter Vorschläge zu einer ungeschlechtlichen Fortpflanzung von Pflanzen bekomme, weil das nichts ist, womit ich arbeiten kann. Und bei Aromantik war es noch viel schwieriger.

[Lotta] Oder was mir letztens passiert ist, als ich das gegoogelt habe, war: “Did you mean aromatic?”

[Kate] Ja, ich hab irgendwie ganz viele Quellen aus Sekundärquellen genommen, also aus Büchern, die ich zu dem Thema gelesen habe, wo dann die Quellen zitiert waren. Oder aus dem Theorie-Teil von anderen Papers dann da die Quellen rausgesucht. Und dann wird man meistens enttäuscht, weil dann ist da irgendwie so ein Satz drin, der für irgendwie da gerade zitiert wurde und die komplette restliche Studie hat gar nicht so viel mit dem Thema zu tun oder so. Und es ist frustrierend und enttäuschend manchmal. Und zu anderen Themen findet man leichter was. Aber auch dann muss man immer gucken, passt es zu dem Thema zu dem ich gerade forsche, oder geht es nur allgemein um das Thema? Weil es gibt sicher sehr, sehr viele Studien mit heterosexuellen Menschen, aber die beziehen sich halt dann nicht zwangsweise auf Heterosexualität oder die beziehen sich vielleicht nicht zwangsweise auf genau das Thema, das ich gerade untersuche und zu dem ich Theorie brauche. Und ich finde, wir sollten auf jeden Fall auch aus Foren zitieren, auch gerade aus den Community-Foren, weil Asexualität etwas ist, was durch die Community gestützt wird, weil diese ganzen Definitionen Community-basiert sind. Auch die Flagge ist ja in der Community irgendwie mit entstanden. Also generell ist es ja bei queeren Themen so, dass irgendwie alles auf Tumblr passiert grundsätzlich. Also wir können, glaube ich, das nicht komplett voneinander trennen, Asexualität und die Community und die Community-Foren. Und dann ist natürlich die Frage, wie zitiere ich das? Muss ich das dann nochmal irgendwie mit wissenschaftlichen Methoden auswerten, was ich da an Material aus den Community-Foren ziehe? Aber ich glaube, wir können das nicht komplett außer Acht lassen, weil dann würden wir über die Köpfe der eigenen Community hinweg entscheiden.

[Franca] Ja, absolut. Ich denke, das ist ein sehr, sehr wichtiger Punkt. Vielleicht sind das ja auch Themen, die man dann im Schreibprozess mit der betreuenden Person ansprechen kann, im Idealfall, wenn diese Person natürlich Verständnis dafür hat. Weil das ist ja auch wieder, da haben wir vorhin schon so ein bisschen darüber gesprochen, inwiefern ihr da vielleicht allein gelassen worden seid. Lotta, du hattest auch gemeint, dass du da nicht unbedingt die Unterstützung erfahren hast, die du ja eigentlich gebraucht hättest. Deshalb von mir nochmal die Frage, was hätte euch denn, oder vielleicht Kate auch konkret, was würde dir aktuell helfen? Welche Unterstützung würdest du dir wünschen, die du vielleicht gerade noch nicht hast?

[Kate] Ich habe tatsächlich sehr Glück, dass meine Betreuung ist super unterstützend und auch mein Umfeld. Und Fluch und Segen, meine Uni ist halt riesig. Mit mir haben, glaube ich, 1500 Leute angefangen in meinem Semester. In meinem Studiengang in meinem Semester. Weil es halt eine Fernuni ist. Also es ist krass. Und das Ergebnis ist halt, ich kenne die Leute alle nicht. Ich kenne vielleicht drei, vier Leute tatsächlich aus meinem Studiengang. Aber es gibt halt auch da wieder Foren und Gruppen. Und da kann man halt dann seine Studie reinposten. Und weil ich eine quantitative Studie, ich habe halt einen Fragebogen, der ausgefüllt werden muss. Und ich habe halt Glück, dass ich da relativ viele Menschen akquirieren konnte, den auszufüllen. Und da ist alles ganz gut. Ich habe tatsächlich meine Betreuung eher gebremst. Die wollte mir bei allem helfen. Und ich bin so, lass mich in Ruhe. Ich will mich einschließen und das selber machen. Weil mich überfordert das komplett dann ständig Rechenschaft ablegen zu müssen. Aber einfach, also was ich konkret mir wünschen würde, ist generell mehr Forschung zu dem Thema. Generell ein breiteres öffentliches Interesse auch an diesem Thema. Damit eben mehr geforscht wird. Damit mehr Forschungsgelder auch da sind. Damit auch Leute, die nicht gerade nur ihre Bachelorarbeit schreiben, sondern die wirklich professionell forschen, sich mit dem Thema beschäftigen können. Das ist was, was mir fehlt.

[Lotta] Ja, das kann ich so unterschreiben. Also ich glaube, dass gerade im deutschsprachigen Raum halt vor allem sehr wenig Forschung dazu existiert. Die Forschung, die ich gefunden habe, oder die wissenschaftlichen Artikel auch, die ich gefunden habe, als ich meine Hausarbeit geschrieben habe, waren fast alle auf Englisch. Was auch dazu geführt hat, dass ich meine Hausarbeit auf Englisch geschrieben hab, weil ich dachte bevor ich die ganzen Zitate noch ins Deutsche übersetzen muss, schreibe ich lieber alles gleich auf Englisch. Aber gerade, ja, gerade im deutschsprachigen Raum gibt es sehr wenig. Und ich habe auch das Gefühl, so an unserer Uni gibt es dazu einfach gar nichts. Also ich habe auch in unserer Bibliothek fast nichts dazu gefunden, außer den ganzen Pflanzenartikeln und so weiter. Und auch im Gender Studies spielt das kaum eine Rolle. Sowohl im Seminarkontext als auch unter den Leuten untereinander, habe ich das Gefühl. Also die Studierenden, die Gender Studies studieren, sind insgesamt schon sehr divers und sehr, sehr viele queere Menschen dabei. Und das ist alles auch ziemlich cool, weil ich das Gefühl habe, es ist insgesamt eine sehr offene Gruppe. Aber trotzdem habe ich halt das Gefühl, dass Aromantik und Asexualität den wenigsten Leuten ein Begriff ist. Und das finde ich sehr schade. Also da muss auf jeden Fall noch mehr passieren.

[Alan] Was für Reaktionen bekommst du denn sovon auch Kommiliton*innen, generell Freund*innen, wenn du von dem Thema von deinen Hausarbeiten erzählst?

[Lotta] Insgesamt bekomme ich eigentlich gar nicht viel Rückmeldung dazu, würde ich sagen. Manche nehmen das einfach so ein bisschen so zur Kenntnis. Viele Leute, die mit mir Sprachwissenschaft studieren, finden das wiederum ziemlich schräg, aber die finden auch das allgemein seltsam, dass ich überhaupt Gender Studies studiere teilweise. Ja, und sonst aus Gender Studies die Leute, manche finden es ja interessant oder so, aber ich habe jetzt noch nie eine Person getroffen, die gesagt hat: “Whoa! Voll wichtig! Richtig gut, dass du dazu was machst!” Außer vielleicht eine Person, die halt selbst asexuell oder aromantisch war. Aber außerhalb der A-Community gab es jetzt noch niemanden, der auch gesagt hat, oh, das ist super wichtig, dass es da mehr Forschung gibt. Das ist was, wo wir noch viel zu wenig haben. Weil ich das Gefühl habe, dass es bei vielen alloromantischen und allosexuellen Menschen einfach nicht so sehr die Rolle spielt und sich viele Menschen damit nicht so auskennen und dann schon gar nicht erst merken, dass es da viel zu wenig Forschung gibt und dass das aber relevant wäre.

[Kate] Ja, bei mir war das so ein bisschen, also in meinem direkten Umfeld ist es halt generell sehr queer und es gibt auch mehr als eine A-Person. Und da ist es relativ offen gewesen. Die waren alle total begeistert und oh, wie schön, endlich mal Forschung zu dem Thema. Und sobald man aber ein bisschen weiter nach außen guckt, dann wird es schon teilweise echt spannend. Und ich habe jedem diesen Fragebogen in die Hand gedrückt, der mir irgendwie über den Weg gelaufen ist. Und wir hatten eine Familienfeier und eine Freundin meiner Eltern war da und die hatte das schon in meiner Instagram-Story gesehen, dass ich noch Leute suche; dass ich vor allem noch Alloleute suche, weil ich hab tatsächlich ein sehr großes asexuelles Sample. Die waren allein den Community-Foren. Die haben sich alle gefreut, endlich mal was zu dem Thema. Und dann fehlen mir jetzt aber die Allomenschen. Und die hat das in meiner Story gesehen und meinte, ja, das brauche ich ja nicht ausfüllen. Ich bin ja schon normalsexuell, oder? Und ich war so, okay… wo fange ich jetzt an? Sie hat es ausgefüllt am Ende.

[Franca] Immerhin.

[Kate] Ja, immerhin. Aber es war schon so ein bisschen, oh, wirklich jetzt? Manchmal wird man so ein bisschen brutal aus seiner Bubble rausgeschmissen.

[Lotta] Ja. Da fällt mir gerade noch eine schöne Sache ein, zu einer Reaktion. Und zwar habe ich meiner Oma auch erzählt, was ich mache. Ich war da zu Hause und habe gerade nochmal Loveless durchgelesen und so markiert und super viele Post-its drin gehabt. Auf die Stelle möchte ich eingehen und das kann man gut zeigen. Und dann hat sie mich halt gefragt, was ich mache und wofür ich das so durcharbeite, dieses Buch. Weil es sieht ja jetzt auch nicht aus wie so ein wissenschaftliches Buch, wo du alles so streng markieren muss oder so, sondern es ist, ja, einfach auch ein Roman, der schön zu lesen ist. Und dann habe ich ihr halt davon erzählt und sie fand das irgendwie voll plausibel und voll schön, dass es dazu was gibt. Also ich glaube, sie hatte mit dem Thema jetzt davor noch nicht so wahnsinnig viel zu tun. Aber das war auch was, wo ich eigentlich eher erwartet hätte, dass so vielleicht Ablehnungen kommen. Ja, und das fand ich dann sehr schön zu sehen, dass meine Oma da das irgendwie toll fand, dass ich mich damit beschäftige.

[Franca] Ja, das ist ja auch einfach eine gewisse Offenheit, die eine Person mitbringt. Und ich denke, selbst wenn man sich nicht mit den Themen beschäftigt hat, wenn man einfach zuhört und merkt: “Hey! Voll schön, dass du das machst”, dann verstehe ich auch gar nicht, wieso Leute da ablehnend reagieren sollten. Aber das bringt mich vielleicht zu einer letzten Frage an euch noch. Und zwar gibt es ja in der Forschung auch häufig die Debatte, was kann ich eigentlich schreiben? Worüber darf ich schreiben? Worüber darf ich forschen? Welche Rolle spielt denn meine eigene Positionierung? Und ich weiß nicht, ob ihr euch jetzt auch schon damit beschäftigen musstet, aber es wird ja dann zum Beispiel häufig auch an queere Menschen dieser Vorwurf gebracht: “Ihr dürft doch gar nichtüber queere Sachen forschen, weil ihr seid ja selber betroffen und ihr seid dann nicht mehr objektiv”, in Anführungszeichen: “weil ihr queer seid”. Wie steht ihr dazu? Und ist das ein Vorwurf, der euch auch begegnet ist?

[Kate] Ja, ich finde ganz ehrlich, dieses Objektivitäts Argument ist eigentlich schon dann hinfällig. Sobald ich eine Hypothese aufgestellt habe, bin ich nicht mehr objektiv. Sobald ich forsche und eine Hypothese aufgestellt habe, will ich ja, diese Hypothese beweisen. Das heißt, ich bin nicht mehr objektiv. Ich habe natürlich irgendwie das Ziel, diese Hypothese zu belegen und ob die Daten das dann mitmachen, ist die andere Frage. Aber so entsteht ja diese ganze Lücke zwischen dieser Reproduktionslücke, die es gibt. Also dass Studien sich nicht reproduzieren lassen, weil irgendwie so ein bisschen dran rumgedoktert wurde, nur damit man gerade noch die eigene Hypothese belegen kann. Und ich glaube, das sind ganz oft Menschen, die eigentlich mit dem Forschungsthema gar nicht direkt was zu tun haben. Das gilt ja auch für medizinische Forschung oder auch in der Biologie, also das sind auch Themen; Ich bin keine Pflanze. Wenn ich über Pflanzen forsche, bin ich trotzdem nicht objektiv. Und deswegen finde ich dieses Argument eigentlich ein bisschen albern, weil entweder versuche ich, so objektiv wie möglich zu sein. Das kann ich aber, egal ob ich jetzt Teil meiner eigenen Studie bin oder nicht. Und ich versuche, das mit wissenschaftlichen Methoden so ehrlich wie möglich oder so klar wie möglich zu halten. Oder halt, ich lasse es bleiben, aber dann habe ich im wissenschaftlichen Forschungsprozess generell nichts verloren. Und es hat nichts mit meiner Identität zu tun oder mit meinen Empfindungen oder mit der Person, mit der ich bin, sondern es ist, glaube ich, einfach nur eine Ethik-Sache.

[Lotta] Ich glaube auch, dass Forschung nie wirklich objektiv sein kann. Man kann versuchen,so nah wie möglich an diese Objektivität vielleicht ranzukommen. Aber ja, wie du richtig gesagt hast, man geht immer schon mit irgendeiner Vorstellung da ran. Man hat einen Grund, warum man sich damit beschäftigt und das ist immer irgendwo subjektiv. Und auch die Menschen, die sagen, ich bin selbst nicht davon betroffen, deswegen kann ich darüber schreiben. Das erklärt sich mir überhaupt nicht. Ich finde das auch wieder um eine sehr, sehr subjektive Einstellung, weil ich das Gefühl habe, die Personen gehen dann erst recht mit einer bestimmten, schon so verfestigten Vorstellung daran und wollen, auf Teufel komm raus, irgendwas beweisen. Und das hat für mich mit Objektivität überhaupt nichts zu tun.

[Franca] Ja, auf jeden Fall. Warum sollte ein heterosexueller, keine Ahnung, Weißer-Cis-Mann, objektiver über A-Themen schreiben können, als eine Person, die selber zwar betroffen ist, aber dadurch natürlich eine ganz andere Perspektive mitbringt?

[Kate] Es ist auch, glaube ich, genau hier, wie es in vielen Sachen so ist, je mehr man weiß, desto mehr realisiert man, dass man eigentlich keine Ahnung hat. Also je tiefer man in dieser Community, in der A-Community drinsteckt, desto mehr realisiert man doch, wie breit dieses Spektrum ist und wie wenig man selber eigentlich Teil der Gesamterfahrung ist. Also meine eigene A-Perspektive auf das Spektrum ist ja nur ein ganz, ganz kleiner Teil von einem riesigen Spektrum, dessen Erfahrungen ich nicht alle nachvollziehen kann. Und wenn man von außen drauf guckt, dann bildet man sich vielleicht, ein Objektiv zu sein, hat aber erst recht viel weniger einen Einblick da rein, wie unterschiedlich diese Erfahrungen sein können. Und, das sieht man ja dann auch in der Geschichte der Forschung, wo ganz viel zum Beispiel dazu geforscht wurde, wie Frauen sich von Männern unterscheiden und damit total viel Schindluder getrieben wurde, wie viele Männer irgendwelche Theorien aufgestellt haben darüber, ob Frauen jetzt zum Beispiel überhaupt einen Orgasmus haben oder nicht. Wo vielleicht Frauen da etwas objektiver darüber hätten reden können, weil es ist nun mal deren Erfahrung und deren Spektrum an Erfahrungen.

[Franca] Ja, absolut. Danke auf jeden Fall für Eure Einschätzung. Ich denke, das ist nochmal ganz wichtig am Ende festzuhalten, dass selbst wenn irgendwelche Unidozierenden kommenund dann vielleicht die eigene Objektivität in frage stellen, nur weil man möglicherweise betroffen ist, was sie ja auch nicht wissen, dann ist es auf jeden Fall wichtig, immer im Hinterkopf zu behalten. Wir haben immer nur unsere eigene Perspektive. Die können wir ja im Zweifel auch am Ende unserer Arbeit immer betonen. Also ich habe zum Beispiel im letzten Semester auch eine Hausarbeit geschrieben, nicht über A-Themen, sondern über queere Themen im Allgemeinen. Und ich habe da tatsächlich auch im Schlusswort, habe ich geschrieben, dass mich selber mit der queeren Community identifiziere, aber natürlich trotzdem nur einen Teil der Erfahrung abbilden kann. Da habe ich mich sehr gefreut, weil ich mich auch wohl gefühlt habe, das zu schreiben, weil die Dozentin auch sehr offen war, was solche Dinge angeht. Aber ich glaube, das gilt für alle Bereiche. Wir müssen immer, immer dazu sagen, dass unsere Perspektive nur begrenzt ist und wir natürlich nur begrenzt die Wirklichkeit abbilden können und unsere Erkenntnisse dementsprechend auch nicht in Stein gemeißelt sind.

[Lotta] Ja, auch gerade den letzten Punkt finde ich sehr wichtig, dass man eben auch nur eine begrenzte Perspektive hat und das Thema eigentlich viel größer ist. Also wenn jetzt man von außen auf beispielsweise A-Themen blickt und versucht, das zu definieren, würde diese Person vielleicht in einer Hausarbeit von etwa 15 Seiten am Ende so ein paar Sätze zu der Definition schreiben. Und ich glaube, allein wenn man versucht, den Begriff Asexualität oder Aromantik zu definieren und da versucht, alle Erfahrungen von allen Personen, die sich auf diesem Spektrum befinden, mit einzubeziehen, dann reichen die 15 Seiten bei weitem nicht aus, um da alles zu definieren. Aber das ist auch eine Perspektive, die man nur einnehmen kann, glaube ich, wenn man Teil des Spektrums ist, weil man sich sonst höchstwahrscheinlich gar nicht so gut damit auskennt.

[Kate] Ja, obwohl ich finde schon, dass auch nicht-asexuelle Menschen oder nicht-A-Menschen über diese Themen auch schreiben und forschen sollen, dürfen, sollen. Weil ohne Allies kommen wir nirgends hin. Ohne Menschen, die eben auch aus einer Fremdperspektive auf solche Themen draufgucken, geht es nicht vorwärts. Da bekommen wir nicht genug Interesse. Wenn man jetzt von diesen Zahlen ausgeht, A-Menschen machen ungefähr ein bis drei Prozent der Bevölkerung aus. Das ist auf jeden Fall eine signifikant interessante Zahl, aber es ist halt immer noch eine relativ kleine Zahl. Und wir brauchen die Unterstützung von anderen. Und ich glaube, das Wichtigste ist der Respekt gegenüber einer Gruppe, der man nicht angehört. Also, wenn Menschen forschen, die nicht Teil des Spektrums sind, dass sie dem Spektrum entsprechend den Respekt entgegenbringen, auch zu sagen, okay, ich bin nicht Teil des Spektrums, ich kann das jetzt nur aus meiner Perspektive betrachten, was ich von außen sehe. Und am besten wäre wahrscheinlich eine Forschungsgruppe, die aus Teilen besteht, die teilweise aus A-Menschen besteht und teilweise aus Allo-Menschen, dass man die verschiedenen Perspektiven miteinander verweben kann.

[Franca] Ja, danke auf jeden Fall für die Einschätzung. Ich glaube, wir kommen langsam zum Ende von unserem Gespräch. Und deshalb würde ich euch gerne nochmal fragen, gibt es noch etwas, was ihr anderen Menschen mitgeben wollt, die sich vielleicht auch gerade in der Situation befinden, an der Uni zu sein oder in irgendeinem anderen Kontext vielleicht eine Bachelorarbeit, Hausarbeit über A-Themen schreiben zu wollen? Noch ein paar Worte der Motivation, womöglich.

[Lotta] Auf jeden Fall nicht aufgeben! Wenn das irgendeine Person hört, die gerade an einer Bachelorarbeit, Masterarbeit, Hausarbeit, was auch immer zu A-Themen sitzt, ja, beschäftige dich weiter damit. Das ist es wert! Wir brauchen auf jeden Fall noch viel, viel mehr Forschung zu A-Themen. Und es ist wichtig, dass A-Themen auch im universitären Kontext sichtbarer werden.

[Kate] Ja, und sich vernetzen. Also sei es jetzt im Internet, sei es über queere lokale Gruppen, finde ich total hilfreich, weil man so ein bisschen die Unterstützung bekommt und auch man bekommt noch mal andere Perspektiven, was auch immer wichtig ist. Also nicht so im eigenen Saft immer schmoren, sondern, was ich auch gerne tue, sondern sich trotzdem auch vernetzen und mal nach außen zu gucken, was man so an Rückmeldungen bekommt.

[Franca] Ja! Vielen, vielen Dank. Das waren auf jeden Fall einige, einige wichtige Sachen, die ihr noch gesagt habt. Und ich freue mich sehr, dass es so gut funktioniert hat. Danke, Kate, auf jeden Fall, dass du Gästin in unserem Podcast warst.

[Kate] Danke, dass ich da sein durfte!

[Franca] Ja, natürlich! Dann alles Gute für euch beide. Lotta, ich hoffe, du bekommst bald, bald die Rückmeldung mal für deine Hausarbeit. Und Kate, dir weiterhin alles Gute für die Bachelorarbeit und du kannst dich ja gerne mal melden, wenn du dann soweit bist. Ich glaube, da können wir auch gerne nochmal drüber schauen.

[Kate] Gerne! Danke!

[Alan] Ja, Franka, das war jetzt ja ein sehr interessantes Gespräch. Und was hast du denn daraus so mitgenommen?

[Franca] Ja, ich glaube, was für mich noch mal extrem klar geworden ist, ist, dass es einfach extrem viele Herausforderungen gibt, wenn ich mich als Einzelperson zum Beispiel im Rahmen der Uni mit A-Themen beschäftigen möchte und eine Hausarbeit über A-Themen schreiben möchte. Und die Tatsache, dass es eben diese Herausforderungen gibt, in Hinblick auf Literaturrecherche, aber auch im Hinblick auf: “Was ist eigentlich Wissen?“ Stichwort, es gibt super viele Quellen, die würde ich gerne zitieren, aber eigentlich darf ich sie nicht zitieren, weil es Community-Forums-Beiträge sind, die dann vielleicht von meinem Dozent oder meiner Dozentin nicht unbedingt als wissenschaftlich genug anerkannt werden. Dadurch werden ja auch extrem viele Menschen davon abgeschreckt, sich überhaupt mit A-Themen in der Forschung zu beschäftigen, wodurch es ja dann wiederum wenig Literatur gibt, wodurch wiederum andere Menschen abgeschreckt werden. Das ist wirklich so ein Teufelskreis und ich habe das Gefühl, wir müssen erstmal so eine gewisse Grundlage schaffen, damit es überhaupt möglich ist, an der Uni eine Hausarbeit zu schreiben, ohne sich durch diese ganzen Herausforderungen kämpfen zu müssen. Und an dem Punkt sind wir noch nicht. Deshalb, ich freue mich mega, dass Lotta und Kate sich darüber hinweggesetzt haben und sich auch mit A-Themen beschäftigen. Aber ich kann auch sehr gut nachvollziehen, warum eben viele Menschen sagen, es ist mir einfach aktuell noch nicht genug Literatur da, es ist einfach zu schwer und ich würde total gerne meine Seminararbeit darüber schreiben, aber dann suche ich mir lieber ein Thema, wo es genug gibt, weil es einfach sonst viel zu, viel zu komplex und viel zu schwer für mich ist. Alan, was hast du mitgenommen?

[Alan] Ja, mich hat vor allem die Diskussion über Betroffenheit und Objektivität bewegt. Weil diese Diskussionen führen wir ja eigentlichständig über alles, also Rassismus, Sexismus, immer wenn irgendeine Person, die von irgendeiner Form von Diskriminierung betroffen ist, was darüber schreibt oder darüber redet und dabei nur irgendwelche Emotionen zeigt oder vollkommen legitime Wut oder irgendwas, ist es plötzlich zu emotional und nicht mehr objektiv und unprofessionell. Und es ärgert mich einfach, dass wir diese Diskussionen wirklich immer wieder führen müssen. Ich meine, wir haben jetzt schon 50 Mal darüber geredet in verschiedenen Kontexten. Können wir nicht irgendwann mal akzeptieren, dass betroffene Menschen auch über Dinge, von denen sie betroffen sind, reden dürfen und dass sie dabei auch emotional sein dürfen und das auch komplett legitim ist?

[Franca] Absolut. Lotta, was hat dich im Gespräch am meisten bewegt?

[Lotta] Ich finde es besonders wichtig nochmal den letzten Punkt von Kate hervorzuheben, dass das mit der Vernetzung auch ganz wichtig ist, weil ich glaube, das ist etwas, was mir halt auch total gefehlt hat, als ich meine Hausarbeit geschrieben habe. Ich habe mich halt sehr allein gefühlt damit, weil ich halt keine Dozentin hatte, die mir helfen konnte oder die mir helfen wollte, je nachdem. Und auch sonst eben niemanden kannte, der zu Asexualität und Aromantik forscht oder sowohl vielleicht eine Professor*in, die mir Namen nennen konnte, als auch einfach andere Studierende, die sich mit den Themen gerade beschäftigen, und ich glaube, dass so Vernetzung enorm wichtig ist und enorm stärken kann. Und ja, deswegen würde ich mich auch voll freuen, falls das jemand hier anhört, falls es eine Person anhört, die selbst vielleicht zu A-Themen forscht oder sich damit mal beschäftigt hat im universitären Kontext oder uns da einige Namen nennen kann. Schreibt uns gerne entweder eine Mail oder auf Discord oder auf Instagram, dann können wir uns ein bisschen vernetzen und vielleicht, ich weiß nicht, eine Discord-Gruppe aufmachen zusammen und uns da ein bisschen vernetzen, weil ich glaube, das ist enorm wichtig und empowert auch total.

[Franca] Absolut, das ist eine richtig gute Idee! Also meldet euch gerne bei uns. Wir können auf jeden Fall versuchen, euch da noch mehr Möglichkeiten geben, euch zu vernetzen. Lotta, du hast auch noch ein Piece of Cake mitgebracht für uns heute.

[Lotta] Genau, und das hat auch was mit unserem Thema der heutigen Folge zu tun, und zwar eine Autorin, auf die ich gestoßen bin, als ich zu meiner Hausarbeit eben recherchiert habe war Ela Przybyło. Die ist Professorin an der Illinois-State-University und lehrt dort zu Feminist- und Queer-Studies und zu Critical Publishing Studies. Und in ihrer Forschung beschäftigt sie sich hauptsächlich mit sexueller Identität und Asexualität, und es ist ja auch ein wichtiges Anliegen, die asexuelle Community sichtbar zu machen. Also, z.B. ein Buch, mit dem ich mich beschäftigt habe während meiner Hausarbeit, ist Asexual Erotics. Kann ich auch sehr empfehlen, ist sehr interessant, geht auch viel in Literatur und Grafikdesign tatsächlich rein, weil das auch eines ihrer Studienfächer war oder eine Ausbildung, die sie gemacht hat. Wie ihr gemerkt habt, forscht sie allerdings, Stand jetzt, nur zu Asexualität. Sie hat aber auch einen Blog, den wir euch dann in den Shownotes verlinken werden, auf dem sie Ace- und auch Aro-Ressourcen gesammelt hat, gebündelt hat und dort veröffentlicht und sehr viele Adressen nennt. Und da habe ich mich ein bisschen umgeguckt und fand das sehr hilfreich. Und man findet dort ebenfalls sehr viel Literatur zur Aromantik. Ja, schaut gerne dort rein und wie immer freuen wir uns sehr über Rückmeldungen zu unserer heutigen Folge. Macht’s gut, bis bald!

[Franca] Bis bald!

[Alan] Bis bald!

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