01 – Romantische Beziehungen – so what?

TW: In der ganzen Folge werden immer wieder amatonormative Vorstellungen besprochen und arofeindliche Aussagen benannt. Falls eine Stelle fehlt, die wir hier auch angeben sollen, könnt ihr euch gerne bei uns melden, z. B. per Mail unter acearoundthecake@gmail.com.

0:05-0:30 min Amatonormativität

2:00-3:00 min Amatonormativität

10:00-11:20 min Amatonormativität

12:18-12:44 min Amatonormativität

17:20-17:45 min Amatonormativität

22:25-23:15 min Druck, Kinder bekommen zu müssen

23:35-24:00 min Arofeindlichkeit

25:30-26:00 min Ängste aromantischer Personen

27:18-30:28 min Amatonormativität

31:33-32:30 min Rechtliche Nachteile aromantischer Personen

37:10-38:32 min gesellschaftliche Hierarchisierung verschiedener Beziehungsformen & Amatonormativität

[Franca (sie/ihr)] (0:05 min) Es gibt ja auch einfach dieses Sprichwort, dass man in der Liebe irgendwo seine zweite Hälfte findet.

[Lea (sie/ihr)] (0:10 min) Das war tatsächlich die Angst vor Einsamkeit.

[Alan (er/ihm)] (0:14 min) Ich finde es interessant, dass von uns einerseits allen erwartet wird, eine Beziehung zu führen, aber eben nur eine monogame, heterosexuelle und heteroromantische Beziehung.

[Lotta (en/they)] (0:25 min) Interessant daran ist eigentlich, und das ist paradox auch, dass das Heiraten aus Liebe eigentlich noch ziemlich jung ist.

[Musik]

Willkommen! Und herzlich willkommen zu unserer ersten Folge von ACE AROund the Cake, dem Podcast von und für a*-Menschen. Ich bin Lotta, [alte Pronomen] und ich identifiziere mich als asexuell; alloromantisch.

[Franca (sie/ihr)] (0:51 min) Und ich bin Franka, meine Pronomen sind sie/ihr und ich bin asexuell und heteroromantisch.

[Alan (er/ihm)] (0:56 min) Ich bin Alan, meine Pronomen sind er/ihm und Ich bin asexuell und queer. Wir alle sind able-bodied und weiß. In diesem Podcast besprechen wir verschiedene a*-Themen, von denen wir das Gefühl haben, dass sie in der gesellschaftlichen Debatte häufig zu kurz kommen.

[Franca (sie/ihr)] (1:16 min) Dies ist die erste Folge unseres Podcasts und wir haben uns tatsächlich gleich am Anfang schon echt ein relativ großes Thema ausgesucht. Und zwar wollen wir mit euch nämlich über verschiedene Formen von Beziehungen sprechen und darüber, welche Perspektive a*-Menschen auf dieses Thema haben können. Und ja, als wir uns zum ersten Mal getroffen haben, um diese Podcast-Folge zu planen, da ist uns dann schon relativ bald aufgefallen, dass eine einzige Folge vermutlich nicht ausreichen wird, um die vielen verschiedenen Aspekte rund um das Thema Beziehung zu besprechen. Deshalb wollen wir uns heute vor allem auf die Perspektive aromantischer Menschen, auf dieses gesellschaftliche Konzept fokussieren und haben uns dazu auch eine Gästin eingeladen, und zwar die liebe Lea, die wir dann später noch kennenlernen. Aber bevor wir uns das Interview mit Lea anhören, Alan, wollte ich dich mal fragen, warum reden wir eigentlich über Beziehung? Welche Relevanz hat das?

[Alan (er/ihm)] (2:02 min) Viele Leute denken vielleicht, wenn du asexuell oder aromatisch bist, dann ist das Thema Beziehung für dich sowieso nicht wichtig. Aber es gibt eben auch diese starke gesellschaftliche Erwartung, dass wir alle irgendwann mit einer Person eine Beziehung führen sollten oder dass wir es alle auch wollen.

[Lotta (en/they)] (2:16 min) Ja, ich denke gerade a*-Menschen müssen sich häufig mit diesem Thema auseinandersetzen oder werden oft mit dieser Frage konfrontiert, warum sie denn noch keine Beziehung führen. Also viele von euch Zuhörer*innen kennen bestimmt auch die Situation, dass Eltern oder Großeltern fragen, ob ihr denn schon jemanden kennengelernt habt und ihr dann genau wisst, okay, sie beziehen sich jetzt gerade nicht auf irgendeine neue beste Freundin oder einen neuen besten Freund.

[Franca (sie/ihr)] (2:41 min) Ja, und selbst wenn ihr das Glück habt, nicht aufgrund von eurem Freund*innenkreis oder Familienkreis ständig über das Thema Beziehung nachdenken zu müssen, dann kennen wir das doch auch alle, dass wir ständig durch Filme oder Bücher oder andere Medien darauf aufmerksam gemacht werden, wie toll es doch ist, eine Beziehung zu führen.

[Alan (er/ihm)] (3:00 min) Bevor wir jetzt ins Interview einsteigen, haben wir noch ein paar spannende Hintergrundinfos zum gesellschaftlichen Umgang mit Beziehungen rausgesucht.

[Lotta (en/they)] (3:08 min) Genau, da wollte ich auch noch kurz einen Exkurs auf die geschichtliche Perspektive geben, denn früher war das eben so, Heiraten ist nicht gleich Liebe. Und das ist ja irgendwie ein großer Unterschied zu heute, denke ich, weil heute, wenn wir über die Heirat nachdenken oder über Beziehungen, dann ist ja eigentlich die Heirat so der Höhepunkt einer Beziehung für viele. Und nach der gesellschaftlichen Norm und Ideologie soll das ja auch eine Heirat aus Liebe sein. Und wenn wir uns mal umschauen, so Stichwort Valentinstag beispielsweise, dann gibt es ja eine komplette Industrie, die daran so arbeitet, dass dann auch das Verliebtsein und später dann der Tag der Heirat so zum schönsten Tag natürlich des Paares wird. Oder suggeriert dies eben zumindest, dass es der schönste Tag werden könnte. Und damit wird auch eine ganze Menge Geld verdient, um ehrlich zu sein. Und trotzdem, obwohl das ja auch viele Menschen wissen, gehört die Heirat für die meisten Menschen eben einfach zu einer Beziehung dazu, denn das ist so der höchste Ausdruck der Liebe und das absolute Versprechen, sich auf immer und ewig treu zu bleiben. Und ja, zu erklären, dass das jetzt eigentlich auf mehreren Ebenen eher absurd ist als der Realität entsprechend, würde jetzt den Rahmen aber sprengen.

[Franca (sie/ihr)] (4:18 min) Aber ich glaube, es ist trotzdem spannend zu sehen, dass es eben für viele Menschen immer noch so eine unglaubliche Traumvorstellung ist und dass die Menschen sich vielleicht auch gar nicht bewusst sind, dass es eben auch dieses gesellschaftliche Konstrukt dahinter gibt. Also ich erinnere mich nur, wir haben in der Oberstufe damals und in der Schule, wir haben immer in den Pausen, haben wir immer das perfekte Hochzeitskleid oder die perfekte Hochzeit, diese Sendung geguckt. Natürlich fanden wir das jetzt auch nicht alle irgendwie so, dass das jetzt unser Traum war. Aber es gab da ein paar, die da so begeistert von waren und das richtig toll fanden, sich das vorzustellen, wie dieser eine Tag, wie schön dieser Tag im Leben dann wird. Also ich glaube, es spielt schon auch echt eine große Rolle für junge Menschen.

[Lotta (en/they)] (4:55 min) Ja, kann ich mir schon gut vorstellen. Und das Interessante daran ist eigentlich, oder das Paradoxe auch, dass das Heiraten aus Liebe eigentlich noch ziemlich jung ist. Denn erst seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde so die Liebesheirat zur Norm. Also, dass man aus Liebe und eben nur aus Liebe heiraten sollte. Und alles andere war dann auch unmoralisch. Und ich würde sagen, eigentlich ist es ja immer noch so, dass so das Erstrebenswerte ist, aus Liebe zu heiraten. Wenn du anderen erzählst, dass du aus finanziellen Gründen heiratest, wirst du eher schräg angeguckt, denke ich. Das ist ziemlich absurd, denn früher war das ganz anders. In der Antike beispielsweise. Lange ist das jetzt schon her. Heiratete man eben nicht aus Liebe, sondern aus Pflicht. Also das war eine Pflicht tatsächlich und Liebe war sowieso eher so eine geistige und intellektuelle Verbindung und tatsächlich nur den Männern untereinander vorbehalten. Also wenn du dir das mal überlegst, so wie Heute, wo man dann auch so lange dafür kämpfen muss, dass zum Beispiel auch zwei Männer oder zwei Frauen heiraten dürfen und dass man da auch die Liebe anerkennt und sagt, das ist Liebe und das ist was Normales. Und früher war das tatsächlich den Männern einfach nur vorbehalten. Also die Liebe zwischen Mann und Frau existierte eigentlich nicht oder sollte zumindest nicht existieren. Aber heiraten muss man eben trotzdem, denn man muss ja auch irgendwie Nachkommen bekommen. Und das kam dann auch so nach Europa ab 300 nach Christus etwa, weil da breitete sich so der christliche Glaube dann in Europa aus. Und damit dann eben auch eine neue Vorstellung und zwar, dass die Liebe nur Gott gelten kann. Und das sexuelle Begehren waren dann auch eigentlich auch teuflische Triebe und strikt von der Liebe zu trennen. Also das sexuelle Begehren war was, das machst du auch, um Nachkommen zu zeugen und hat auch nichts mit Liebe zu tun. Weil man eben diese Nachkommen zeugen muss und dafür die Zustimmung Gottes braucht, die durch die Segnung der Heirat ausgedrückt wurde, ist man eben diese Heirat eingegangen. Jahrhunderte später war ja auch in der Oberschicht die Heirat vor allem noch ein politisches Instrument. Man heiratete diese oder jene Person und sicherte sich dadurch Macht, Reichtum oder politischen Einfluss. Also mit Liebe hatte das nichts zu tun, außer vielleicht mit Liebe zum eigenen Wohlstand. Denn wer heiratete, wurde vor allem strategisch ausgewählt. Und diese Art der Heirat wird auch als Vernunft-Ehe bezeichnet. Das ist dann quasi der Gegenbegriff zur Liebesheirat.

[Franca (sie/ihr)] (7:22 min) Ich finde es irgendwie voll spannend, dass nach diesen Begriffen Liebe ja eigentlich eher das Gegenteil von Vernunft ist.

[Lotta (en/they)] (7:28 min) Ja, ich meine, weil da eben durch die Hormone so einiges durcheinander gerät. Vielleicht macht der Begriff also durchaus Sinn. Aber auf jeden Fall war das eben damals so. Und unsere heutige Form der Liebesbeziehung als Norm stammt eben, wie gesagt, dann aus dem 19. Jahrhundert und etablierte sich dann im Zuge der fortgeschrittenen Industrialisierung auch. Weil im Zeitalter der Romantik, das dann ja vor allem in Büchern und Geschichten, die Liebe so als Ideal gepriesen wurde. Das kennen wir ja auch bestimmt aus den ein oder anderen Jugendromanen, die es da im Regal gibt. Also ich weiß nicht, wie viele unzählige typische, in Anführungszeichen, Mädchenromane es auch gibt mit Prinzessinnen, sonst was, wo alles immer sich nur um die Liebe dreht. Und so wurde das eben auch nach und nach von der Gesellschaft dann übernommen. In Zeiten von großer Unsicherheit, beispielsweise nach den Weltkriegen, zeigte sich aber auch, dass die Ehe vor allem Sicherheit gab und auch deshalb eingegangen wurde. Diese romantisierte Sehnsucht nach der Liebesbeziehung mit der Heirat als Höhepunkt überdauerte es aber alles und existiert ja bis heute.

[Alan (er/ihm)] (8:31 min) Ich finde es sehr interessant, wie hier wieder deutlich wird, wie selbstverständlich wir bestimmte Konzepte finden, die aber eigentlich gar nicht so lange existieren.

[Lotta (en/they)] (8:43 min) Ja, apropos Konzepte. Franca, du hast doch letztens erzählt, dass du in deinem Auslandssemester in Schweden dafür ein ziemlich passendes Wort gelernt hast.

[Franca (sie/ihr)] (8:51 min) Oh ja, stimmt. Das Wort, was Lotta da gerade meint, ist tvåsamhetsnormen. Also praktisch auf Englisch Togetherness-Norm oder auf Deutsch auch Zweisamkeits-Norm. Und genau, vielleicht kennt ihr ja auch diesen Begriff Amatonormativität, wenn ihr den Begriff tvåsamhetsnormen noch nicht gehört habt, weil Amatonormativität wurde tatsächlich von Elizabeth Brake geprägt und sie definiert diesen Begriff als “widespread assumption that everyone is better off in an exclusive, romantic, long-term, coupled relationship and that everyone is seeking such a relationship.” Und ich übersetze das nochmal kurz für euch. Also für sie ist Amatonormativität die allgemeine Annahme, dass es für alle Personen auf dieser Welt am schönsten ist, eine monogame, romantische, feste Beziehung zu führen und dass auch jede von uns sich nach dieser Beziehung sehnt.

[Lotta (en/they)] (9:43 min) Ja, ganz genau so ist es. (/i)

[Franca (sie/ihr)] (9:45 min) Ich merke schon, ihr habt rausgehört, ich habe ein bisschen versucht, meine Stimme ironisch klingen zu lassen. Ja, ich finde, wenn man sich das auf der Zunge zergehen lässt, dann klingt es schon ziemlich heftig, aber gleichzeitig wird einem dann eben auch klar, dass unsere Gesellschaft letztlich auf genau diesem Gedanken basiert, dass wir nämlich eigentlich alle am besten dran sind, wenn wir es in irgendeiner Form geschafft haben, in einer festen Beziehung zu leben. Also ich glaube, gerade Personen, die eine Weile Single waren und in keiner Beziehung gelebt haben und dann aber eine Beziehung haben, können das sehr gut nachvollziehen, weil einfach der Umgang anderer Menschen mit einem tatsächlich ganz anders sein kann, weil man in bestimmten Gesprächen auf einmal mitreden kann, also in Anführungszeichen mitreden kann, den man vorher vielleicht nicht mitreden konnte. Also diese gesellschaftliche Konstruktbeziehung ist schon sehr, sehr relevant in bestimmten Gesprächen, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Ja, und da kommt dann auch immer so ein bisschen dieser Gedanke auf das Single-Sein, eigentlich eher als begrenzte Phase zwischen zwei Beziehungen gesehen wird, aber eben auch als eine Phase, die dann irgendwann vorbeigeht, und nicht als eigenständiger, valider Lebensentwurf.

[Lotta (en/they)] (10:51 min) Ja, ich find das ziemlich krass, weil das wirkt ja irgendwie so, als wärst du als Single nicht ganz komplett. Also, als müsstest du immer nach etwas Weiterem suchen. Und wenn du dann diese Person irgendwann gefunden hast und in der Beziehung bist, dann hast du’s, ja, wie du gesagt hast, endlich geschafft. Dann bist du plötzlich so ein ganzer Mensch, ich weiß nicht, oder so komplett auf jeden Fall.

[Franca (sie/ihr)] (11:10 min) Ja, absolut. Es gibt ja auch einfach dieses Sprichwort, dass man in der Liebe irgendwo seine zweite Hälfte findet. Und wie du schon gesagt hast, ich finde es absurd, weil es suggeriert, dass man eben ohne Partner nicht komplett ist. Und wir sollten doch eigentlich alle versuchen, eigenständige Menschen zu sein, die nicht auf andere Menschen angewiesen sind.

[Lotta (en/they)] (11:24 min) Ja, ich finde das Wort ziemlich gut. Ich bin ein großer Fan davon, glaube ich.

[Franca (sie/ihr)] (11:26 min) Ja, vielleicht gibt es auch ein paar Leute von euch, die sich fragen, warum wir denn jetzt schon wieder mit einem neuen Wort kommen oder sogar mit mehreren Wörtern. Weil eigentlich gibt es ja auf dem a*-Spektrum auch einfach schon sehr, sehr viele Begriffe, und das stimmt natürlich, und es ist natürlich auch nicht immer leicht, die ganzen Begriffe auseinanderzuhalten, aber ich glaube, dass diese Begriffe, oder jetzt spezifisch auch tvåsamhetsnormen, uns auch helfen können, sich klarzumachen, dass wir eben diese Zweisamkeit als gesellschaftliche Norm betrachten, aber dass dies eben auch nicht so sein muss. Also, dass es genauso normal sein kann, keine Beziehung zu führen, oder eben auch eine nicht romantische oder nicht sexuelle Beziehung zu führen. Das bedeutet, dass Amatonormativität, beziehungsweise tvåsamhetsnormen auf Schwedisch, uns letztlich hilft, sich selbst bewusst zu machen, dass es sich dabei lediglich um eine konstruierte Normativität handelt und nicht um eine vorhandene Normativität.

[Alan (er/ihm)] (12:18 min) Trotzdem gibt es immer noch steuerliche und auch gesellschaftliche Vorteile, die eine solche Beziehung mit sich bringt. Zum Beispiel dürfen bei Entscheidungsunfähigkeit nur Ehepartner und biologisch Familienangehörige medizinische Entscheidungen zum Beispiel treffen, egal wie nah oder auch nicht nah sie der betroffenen Person stehen, während enge Freunde oder Lebenspartner, die der betroffenen Person vielleicht viel näher stehen, gar nicht berücksichtigt werden.

[Lotta (en/they)] (12:44 min) Das erinnert mich jetzt wieder ein bisschen an die Vernunftehe tatsächlich. Also wenn du beispielsweise schon heiraten musst, damit du im Falle eines Unfalls beispielsweise oder bei was auch immer, dann entscheiden kannst für die Person, die dir so wichtig ist. Und wenn du jetzt jahrelang zusammen bist und die Person ist dir super wichtig, aber du bist halt nicht verheiratet, dann kannst du da gar nichts ausrichten, obwohl du vielleicht noch am besten weißt, was für deine Partnerin oder dein Partner, was der Wunsch der Person war.

[Alan (er/ihm)] (13:14 min) Und die Entscheidungen werden dann eventuell von Eltern oder Geschwistern getroffen, die die Person seit Jahren nicht gesehen hat oder die Person auch gar nicht mehr so gut kennen.

[Franca (sie/ihr)] (13:22 min) Ja, stimmt. Und das erinnert mich auch an eine Geschichte, die meine Mutter mir immer erzählt hat. Und zwar hat sie erzählt, dass sie nämlich bis sie 30 geworden ist, sich absolut nicht vorstellen konnte zu heiraten. Weil sie nämlich immer das Gefühl hatte, dass viele Leute letztlich nur aus dem Grund heiraten, um irgendwie sicherzustellen, dass sie eben auch tatsächlich für immer zusammenbleiben werden. Und sie wollte eben nicht heiraten, weil sie für sich selber und anderen zeigen wollte, dass man eben auch zusammen sein kann, ohne diesen gesellschaftlichen Heiratsvertrag zu unterschreiben. Aber irgendwann wollten meine Eltern dann eben Kinder bekommen. Und nun ja, meine Mutter war dann leider zu diesem Zeitpunkt sehr krank, sodass sie eben auch dachte, dass sie selber auf natürliche Weise keine Kinder bekommen kann, sondern dass sie eben eine künstliche Befruchtung durchführen musste, um Kinder zu bekommen. Aber damals war eben die Regelung so, dass man für eine künstliche Befruchtung tatsächlich heiraten musste. Also ohne Heirat hätte sie effektiv keine Kinder bekommen können. Am Ende hat es dann tatsächlich auch so geklappt, also sie war dann sehr, sehr glücklich, dass sie eben doch Kinder bekommen konnte, ohne die künstliche Befruchtung durchzuführen. Aber sie erzählt mir das halt immer noch und ich finde das schon echt krass so zu sehen, dass sie halt damals wirklich letztlich hätte heiraten müssen, einfach um Kinder bekommen zu können.

[Lotta (en/they)] (14:38 min) Ich finde das echt heftig, also es ist schon ziemlich ungerecht, wenn man da mal so richtig drüber nachdenkt.

[Alan (er/ihm)] (14:43 min) Und auch heute genießen verheiratete Paare in Deutschland immer noch diverse Vorteile gegenüber unverheirateten Paaren oder anderen Formen von Beziehungen. Zum Beispiel Ehegattensplitting oder Witwenrente. Das zeigt immer noch, dass es trotzdem immer noch staatlich erwünscht ist, dass wenn zwei Menschen in einer Beziehung sind, sie irgendwann heiraten. Aber bevor wir jetzt zu sehr in die Ehe als gesellschaftliche Institution einsteigen, wollen wir doch lieber nochmal darauf blicken, wie wir in unserem Alltag mit dieser Norm konfrontiert werden. Und dafür haben wir uns, wie angekündigt, eine Gästin eingeladen, nämlich Lea. Und das Interview wollen wir zusammen mal anhören.

[Musik]

[Franca (sie/ihr)] (15:29 min) Hallo Lea, schön, dass du heute bei uns im Podcast bist. Wir haben uns heute vorgenommen, über Aromantik und Beziehungen zu sprechen. Und ja, ich würde dich erst mal fragen, wie geht’s dir heute?

[Lea (sie/ihr)] (15:40 min) Hallo, danke, dass ich dabei sein darf. Mir geht’s eigentlich ganz gut. Also ehrlich gesagt, ein bisschen aufgeregt. Ich war noch nie in nem Podcast. Aber sonst geht’s gut.

[Franca (sie/ihr)] (15:47 min) Ja, das freut mich auf jeden Fall. Wir haben heute auch noch Lotta dabei und Alan dabei. Wie geht’s euch?

[Lotta (en/they)] (15:55 min) Soweit alles okay, würde ich sagen.

[Alan (er/ihm)] (15:58 min) Ja, bei mir auch.

[Franca (sie/ihr)] (15:59 min) Okay, super. Ja, dann, Lea, würde ich dich mal kurz bitten, dich vorzustellen und dabei vielleicht deine Pronomen und auch deine sexuelle und romantische Orientierung zu nennen.

[Lea (sie/ihr)] (16:09 min) Ja, mein Pronomen ist sie/ihr und ich bin aromantisch und asexuell. Ich bin nur 29 Jahre alt. Vielleicht auch noch praktisch zu wissen.

[Franca (sie/ihr)] (16:21 min) Ja, danke, Lea. Ja, du hast jetzt gesagt, dass du aromantisch und asexuell bist. Was würdest du denn sagen, welche dieser beiden Orientierungen hat einen größeren Impact auf dein Leben aktuell und warum ist das so?

[Lea (sie/ihr)] (16:35 min) Ich glaube, das ist super schwierig zu sagen, weil der Impact sehr unterschiedlich ist. 

[Lotta (en/they)] (16:39 min) Inwiefern? Was meinst du damit?

[Lea (sie/ihr)] (16:41 min) Also, Asexualität spielt bei mir weniger eine Rolle, also damit beschäftige ich mich weniger. Das ist einfach so, das stört mich überhaupt gar nicht. Und da bin ich auch nie auf so Widerstände gestoßen oder so. Ich habe keine großen Geschichten von Leuten, die irgendwie mich angemacht haben oder sowas und ich es nicht wollte. Alle haben mich immer in Ruhe gelassen. Ich weiß nicht, ob das die Ausstrahlung ist oder ich es einfach nie gecheckt habe. Aber deswegen war mir das schon immer furchtbar egal tatsächlich. Aber natürlich ist es relevant im Leben, weil die Lebenswirklichkeit doch sehr anders ist als die von allosexuellen Leuten. Und Aromantik hat aber in dem Sinne einen größeren Impact, weil mich das viel mehr beschäftigt. Also das viel mehr auf Widerstände stößt jetzt. Nicht zwingend bei anderen, in mir selbst oder auch mit der Gesellschaft, wo wir gleich auch nochmal kurz drüber reden. Genau deswegen spielt das eine größere Rolle. Damit habe ich mich auch viel schwerer getan, das bei mir selbst anzuerkennen. Also mein inneres Coming-out war da ein bisschen verzögert.

[Franca (sie/ihr)] (17:47 min) Ja, du hast ja gerade inneres Coming-out angesprochen. Magst du uns vielleicht da kurz noch ein bisschen mehr darüber erzählen, wie kam das bei dir dazu, dass du das gemerkt hast, also gerade im Hinblick auf die Aromantik und vielleicht auch welche Rolle haben Beziehungen von dir oder von anderen Leuten bei deinem Coming-out gespielt?

[Lea (sie/ihr)] (18:03 min) Ja, witzigerweise war die Beziehung, die implizit den größten Einfluss hat, die meiner Mutter. Bis sie 21 war, hatte sie keinen Freund und kein gar nichts. Und bis 21 habe ich mir deswegen auch überhaupt keine Sorgen gemacht. Ich dachte, naja, wenn meine Mama so lange gebraucht hat, darf ich auch so lange gebraucht haben.

[Franca (sie/ihr)] (18:24 min) Ich kenn’s, ich kenn’s. Meine Mutter hatte mit 15 schon einen Freund, da war das mit 15 schon ein Problem. (/hj)

[Lea (sie/ihr)] (18:29 min) Also ich habe nie Peer-Pressure gefühlt oder sowas. Ich habe dann ja schon gemerkt, dass sich um mich herum beschäftigen sich irgendwie alle damit. Irgendwie ist das sowas von pupsegal. Irgendeine Freundin einer Freundin wollte dann mal wissen, wie denn meine sexuelle Orientierung ist und sie hat mich dann so hetero erklärt, weil ich halt nicht gesagt habe, dass ich lesbisch oder bi bin oder was das immer, da muss ich halt “normal” sein in Anführungszeichen. Aber das war mir auch egal. Tatsächlich bis 21 habe ich mich überhaupt nicht damit beschäftigt. Und mit 21 dann kamen so die Sorgen auf. Es ist seltsam, dass ich das daran festgemacht habe, aber deswegen die Beziehung meiner Mutter tatsächlich, weil daran habe ich dann gemerkt, dass ich spätestens dann vielleicht ein bisschen entweder sehr Spätzünder bin oder vielleicht doch nicht “normal”, diese schönen Anführungszeichen um dieses Wort, und bin dann, ja nicht auf die Suche gegangen, aber auf die Dauer schon irgendwie abgeguckt, was kann denn mit mir nicht stimmen und wo guckt man: im Internet logischerweise. Ich bin dann da auf das AVEN-Forum gestoßen, also “Asexual Visibility and Education Network”. Und die haben das eigentlich ganz schön erklärt auf ihrer Webseite, was das ist, also Asexualität. Ich weiß gar nicht, wie viel sie zur Aromantik dazu erzählt haben, aber auf jeden Fall auch irgendwas. Und hab den Asexualität-Artikel durchgelesen, dachte ich, ja, 100 Prozent, das bin ich. Abgehakt, ne? So, fertig identifiziert. Und hab dann Aromantik, hab ich gelesen, dachte mir auch, ja gut, dass es das auch gibt, aber hab mich darin irgendwie überhaupt nicht gesehen. Aber es hat implizit in mir ein bisschen rumort. Und irgendwann mal dann, wie man so gedankenverloren Auto fährt auf der Autobahn. Ich kann mich ganz genau dran erinnern. Irgendwie so 130, 140 [km/h] gefahren oder sowas. Also kann ich nicht empfehlen, mit 140 auf der Autobahn sich zu denken, oh Mist, vermutlich bin ich auch aromantisch.

[Lotta (en/they)] (20:35 min) Das ist auf jeden Fall mal eine gute Story dafür.

[Lea (sie/ihr)] (20:42 min) Tatsächlich habe ich da schon gemerkt, dass es nicht so in meinen Lebensplan reinpasst. Ich bin ein großer Familienmensch. Meine gesamte Familie sind Familienmenschen. Und da hat irgendwie implizit auch nie ohne Druck von irgendjemand gehört, dass man mal eine eigene Familie hat oder zumindest Partner*innen. Welches Geschlechts auch immer. Genau, deswegen hat das mit dem inneren Coming-out ein bisschen länger gedauert, weil ich das, glaube ich, mehr so ein bisschen vor mir hergeschoben habe, mir das anzuerkennen. Und auch als ich dann mein inneres Coming-out hatte, hat das ewig gebraucht, bis ich das auch so akzeptiert habe, dass ich dann meinte, ja, es ist gut so, wie es ist.

[Lotta (en/they)] (21:22 min) Jetzt hast du ja auch gerade deine Familie schon erwähnt. Wissen die davon oder wie gehen die mit beispielsweise deiner Asexualität oder Aromantik um? Weil du hast ja gesagt, dass jetzt auch gerade die, dass du z.B. immer gemerkt hast daran, so bis 21 macht man sich keine Sorgen, weil meine Mutter hatte auch ihren ersten Freund mit 21. Gab es dann irgendwo so einen Punkt, wo vielleicht die mal gesagt haben, so hey, jetzt bist du ja so und so alt, du hattest immer noch keinen Freund oder so?

[Lea (sie/ihr)] (21:51 min) Nein, nicht wirklich. Meine Familie ist da wirklich gut drin, keinen Druck zu machen, niemanden. Aber natürlich irgendwann mal kommt das Gerede davon, insbesondere als dann die Kinder langsam ausgezogen sind. Also ich bin die Älteste, meine Schwester ist drei Jahre jünger. Also ich bin ausgezogen, meine Schwester dann drei Jahre danach. Erstmal nur ein Jahr ins Ausland, dann ist sie nochmal zurückgezogen, aber sie war so ein bisschen halt auch weg. Und dann sind die Eltern so vor so einer semi-leeren Wohnung. Dann war nur noch mein sieben Jahre jüngerer Bruder da. Und dann kommt der Gedanke von, ach, irgendwann mal sind dann da ja Enkel. Also ohne den Druck zu sagen, ja Lea, du bist jetzt so und so alt, wie wär’s denn mal, ich hätte da gerne meinen Enkel. Sondern einfach wie, das kam vor allem bei meiner Mutter, wie sie halt dann die Zukunft beschrieben hat, dass sie dann irgendwann mal einen Enkel hat, den sie dann verwöhnen kann und die Erziehung der Eltern kaputt machen, wie das Omas halt so machen. Natürlich in eingeschränkter Form kaputt machen, aber ein bisschen Süßigkeiten geben, die jetzt die Eltern nicht geben würden und solche Sachen. Und das habe ich ganz lange halt einfach so stehen lassen. Es war auch nie so, dass man dann unbedingt ins Gespräch dazu kommen musste. Wir haben uns grundsätzlich nie so viel über Beziehungen unterhalten in meiner Familie. Und irgendwann hat es mich dann aber genervt. Und dann habe ich meinen Eltern gesagt, dass ich asexuell bin und aromantisch und dass sie von mir keine Enkel erwarten können und dass sie dieses Thema doch in Bezug auf mich nicht mehr ansprechen sollen. Sie waren da sehr offen zu, zu Asexualität. Und ja, auch sehr verständnisvoll. Bei Aromantik bin ich mir nicht sicher, ob die das so ernst genommen haben. Sie haben nicht mit Worten gesagt, ja, warte mal, es kommt bestimmt noch jemand. Aber es ist manchmal ein bisschen so, als hätten sie vergessen, dass ich es ihnen mal gesagt habe. Was ich jetzt nicht super tragisch finde, weil es eben selten aufkommt und daher mich nicht so häufig stört. Meiner Schwester habe ich es tatsächlich vorher erzählt, weil sie auch ein bisschen informierter ist. Allein, weil sie jünger ist. Wir immer ein bisschen noch mal eine engere Beziehung miteinander hat, als ich jetzt zu meinen Eltern. Mein Bruder, das tut mir ein bisschen leid, der hat das überhaupt gar nicht über mich erfahren. Der war nämlich der Einzige in meiner kleinen Familie, also Eltern und Geschwister, der es noch nicht wusste und dann haben sie sich halt irgendwann darüber unterhalten und mein Bruder so, was? Wusste gar nichts von mir. Ja, ich glaube, da hat er sich ein bisschen verletzt gefühlt, aber inzwischen ist alles wieder gut und er ist genauso akzeptierend.

[Lotta (en/they)] (24:41 min) Ach, das ist so schön

[Lea (sie/ihr)] (24:42 min) Genau, von daher eigentlich dann nicht so negative Erfahrungen. Der Rest, also Cousine, Tanten und so weiter, die wissen das alles entweder nicht oder haben es zufällig erfahren. Inzwischen ist es ein bisschen so, dass ich mit meinem Comming-Outs so umgehe. Es ist so eine, vielleicht nicht eine “Need-to-know-Basis”, aber eine, “wenn es aufkommt, dann erzähle ich es Basis” und wenn nicht, dann halt nicht. 

[Lotta (en/they)] (25:04 min) Ja, so ein lockerer Umgang.

[Lea (sie/ihr)] (25:05 min) Ja, deswegen wissen es halt manche und manche nicht.

[Franca (sie/ihr)] (25:08 min) Ich hätte noch mal eine Frage, um das Ganze auf ein gesellschaftliches Level zu heben. Du hattest ja auch davor angesprochen, dass du, gerade als du dieses innere Coming-out hast, auch gemerkt hast, dass da super viele Ängste mit verbunden waren, sich selber einzugestehen, dass du aromantisch bist. Was waren das denn für Ängste? Was genau war dieses ungute Gefühl, was da mit einherging und was glaubst du, woran das liegt? Weil im Prinzip hier ist es ja einfach eine sexuelle und eine romantische Orientierung. Also was genau war das, wo du das Gefühl hast, das fühlt sich irgendwie ungut an?

[Lea (sie/ihr)] (25:40 min) Das war tatsächlich die Angst vor Einsamkeit. Auf Dauer. Was natürlich nicht stimmt. Also das ist ja irrational. Nur weil man aromantisch ist, heißt das nicht, dass man auf ewig einsam ist. Man hat ja trotzdem Familie und Freunde und so weiter. Man hat halt nur keine feste Partner*in. Queerplatonische Beziehungen können natürlich dann auch stattfinden, aber die habe ich nie so wirklich verstanden, um ehrlich zu sein, und habe da auch nie so ein Bedürfnis gefühlt.

[Lotta (en/they)] (26:10 min) Also du könntest dir dann auch tatsächlich nicht vorstellen, beispielsweise später eine Beziehung zu führen oder so, oder wäre das was, wo du sagen würdest, das könntest du durchaus in Betracht ziehen?

[Lea (sie/ihr)] (26:20 min) Ich meine, man muss Beziehungen definieren. Ja. Wo ich so ein bisschen, was so mein Traumideal wäre, wäre tatsächlich eine Person oder zwei Personen zu finden, die die Verbindlichkeit einer romantischen Beziehung haben, sodass man sich zusammen an erster Stelle sieht und dass, wenn dann irgendwie, wenn zwei parallele Sachen passieren einmal in dieser Beziehung und einmal mit Freund*innen. Das sind halt diese Beziehungen, die ich mit der Person dann führe. Das ist dann vielleicht ein bisschen wichtiger. Aber ich hätte keine Ahnung, wie das aussehen soll. Deswegen ist es so ein bisschen hinten angestellt. Ich tue mich da, glaube ich, schwer mit etwas, von dem ich nicht weiß, wie es sein sollte.

[Lotta (en/they)] (27:07 min) Ja, ich denke, das Schwierige daran ist ja auch, dass du in der Gesellschaft irgendwie keine Vorbilder hast, was das angeht. Also wenn Personen in einer Beziehung sind, dann ist das ja eigentlich immer so eine romantische Beziehung auch.

[Franca (sie/ihr)] (27:18 min) Ja, absolut. Da fehlt einfach so dieses Bild für alternative Beziehungsformen. Und ich glaube, insofern ist es auch gar nicht trivial, dass du da Angst vor Einsamkeit hattest oder hast, weil es ja schon einem immer wieder gezeigt wird, dass so dieses Ideal, worauf alle streben, eben ist, mit einer Person zusammen zu sein. Also es gibt da so ein schönes… Ja, und du hattest doch dieses tolle Wort von deinem Auslandssemester. Genau, ich hatte ja dieses Wort schon vorhin erklärt, dieses tvåsamhetsnormen, also so diese Normen zusammen zu sein, wie ich ja vorhin erklärt habe. Kannst du uns vielleicht noch mal sagen, welchen Einfluss diese Norm auf dein Leben jetzt hat, wenn du das so beschreiben kannst? Und vielleicht auch noch den Vergleich zu deinem Leben jetzt und vor zehn Jahren?

[Lea (sie/ihr)] (27:55 min) Ja, vor zehn Jahren, da war ich ja 19 grad mit der Schule fertig, da hatte das noch einen sehr, sehr geringen Einfluss. Weil da viele in meinem Umfeld, also Freund*innen, auch noch Single waren oder wieder Single waren, je nachdem. Aber so die romantische Beziehung eben nicht den gewichtigen Stellenwert hatte. Also natürlich sind junge Beziehungen dann auch immer hochdramatisch und sehr, sehr wichtig in dem Bereich. Aber vielleicht nicht so lang andauernd. Und sie haben halt eben nicht diese Verbindlichkeit, die sie jetzt zehn Jahre später haben, wo man sagt, das ist optimalerweise wirklich die letzte Beziehung, mit der ich alt werde oder zumindest eine sehr lang andauernde Beziehung, mit der ich mein zukünftiges gesamtes Leben plane. Deswegen hat man von der Zweisamkeitsnorm noch nicht so viel gemerkt mit 19. Ich erzähle das immer gerne am Beispiel von Urlauben. weil ich viel so mit Freunden in Urlaub gefahren bin, zum Campen oder irgendwelche Hosteltouren durch verschiedene Städte.

[Lotta (en/they)] (28:58 min) Klingt gut.

[Franca (sie/ihr)] (28:59 min) Was man mit 19 halt so macht, ja.

[Lea (sie/ihr)] (29:00 min) Eben genau. Das hat super Spaß gemacht und da gab’s nie das Problem zu sagen, hey, lass uns in der Freundesgruppe oder zu zweit, zu dritt, wie auch immer, mal zwei Wochen wegfahren. Das geht jetzt nicht mehr so. Sondern es geht auch. Es ist jetzt nicht so, dass meine Freunde sagen, nee, mit dir fahr ich nicht mehr in Urlaub. Aber man muss immer beachten, dass sie dann eben zwei Urlaube im Jahr machen. Einmal mit mir und einmal mit ihrer Partner*in. Oder mit der Familie, wenn’s auch schon Kinder gibt. Das ist jetzt bei zwei von meinen Freund*innen auch schon der Fall. Wo sie dann halt vielleicht mal sagen, nee, irgendwie passt’s jetzt finanziell nicht. Ich kann nur einen Urlaub im Jahr machen. Das ist dann halt der mit Familie und Partner*in. Oder sie sagen, ja, aber… Die Zeit ist eingeschränkt, weil hier und dort bin ich halt schon mit anderen Leuten im Urlaub, mit meiner Familie. Und die Freundschaft ist natürlich immer noch wichtig, aber sie ist nicht mehr das Einzige, wo man so Urlaube auslebt. Und bei mir ist es halt weiterhin das Einzige. Und das ist das, wo ich das tatsächlich am meisten merke. Dass eben die Zeit der anderen mehr aufgesplittet sein muss und meine Zeit halt nicht. Und deswegen ich vielleicht höhere Anforderungen habe, die dann nicht erfüllt werden. Ich empfinde, dass sie dann nicht so sehr erfüllt werden können, was jetzt auch nicht stimmen muss, aber zumindest ist das eine Empfindung.

[Lotta (en/they)] (30:29 min) So, Stichwort Freund*innenschaft. Was genau würdest du dir denn dann wünschen? Ich meine, damit diese Bedürfnisse, die du gerade angesprochen hast, erfüllt werden. Was macht denn so eine gute Freund*innenschaft dann für dich aus, jetzt heute auch?

[Lea (sie/ihr)] (30:43 min) Ja, das ist das Problem. Eine gute Freund*innenschafft ist genau das, was ich gerade habe. Weil ich kann ja nicht verlangen, dass ich wichtiger bin als die Kinder und die Partner*innen. Das ist ja überhaupt nicht das, was ich auch haben möchte. Der Idealfall wäre tatsächlich irgendjemand, der genauso ist wie ich und dann machen wir zu zweit unsere Dinge. Und dann sind wir wieder bei einer andersartigen Form der Beziehung. Aber an Freund*innenschaften hänge ich das jetzt nicht auf, weil die sind so, wie sie sind, genau richtig, tatsächlich. Ja.

[Alan (er/ihm)] (31:19 min) Wir haben über gesellschaftliche Vorbilder von nicht-romantischen Beziehungsmodellen gesprochen. Was würdest du dir denn sonst so von der Gesellschaft wünschen, im Umgang mit aromantischen Menschen oder generell?

[Lea (sie/ihr)] (31:33 min) Also, da fällt mir jetzt ehrlich gesagt nicht so viel ein, weil ich nicht weiß, welchen Einfluss die Gesellschaft so im Moment ausüben kann. Es ist halt nun mal, wie es ist, ein bisschen. Also man könnte, ich glaube, da könnte die Politik ran. Da ist ja viel, wo steuerlich gefördert ist, wenn man zusammenlebt. Das wollen sie jetzt schon ändern, vom Ehegattensplitting aufs Familiensplitting. Oder auch, dass Altersvorsorge immer noch ein bisschen davon abhängt, dass man sich gegenseitig unterstützt. Weil was ist denn, wenn ich irgendwann mal alt bin, ich muss sofort ins Altersheim, weil ich habe keine Kinder und ich habe auch keinen Partner, der sich noch um mich kümmern kann. Und solche Sachen. Also ich weiß nicht, wie viel da gemacht werden kann. Das betrifft auch, ich glaube, das betrifft auch hetero-, also heteroromantische oder alloromantische Personen, die Single sind. Einfach alle, die ein bisschen auf sich allein gestellt sind und nicht die direkte Unterstützung zwei Meter neben sich haben, immer in der gleichen Wohnung oder zumindest in der gleichen Stadt, wo man sich dann darauf verlassen kann, wenn irgendwas ist, dann ist die Person auch sofort an der Stelle.

[Franca (sie/ihr)] (32:59 min) Ja, eigentlich betrifft es alle Menschen, die eben diese Beziehungsnorm nicht so leben, die eben diese Beziehung aus irgendeinem Grund nicht führen, wie Gesellschaft sie in diesem Modell vorgesehen hat. Ja, genau.

[Lea (sie/ihr)] (33:10 min) Ich meine, das geht auch Witwer*innen so. Meine Großmutter, die ist seit Jahrzehnten verwitwet. Also, mein Großvater ist gestorben, da war ich fünf, glaube ich. Also ungefähr um den Dreh rum und sie hat nie wieder geheiratet. Oder sie hatte auch nie wieder überhaupt eine romantische Beziehung. Bei ihr geht das gut. Ich glaube auch, weil sie halt Kinder hat. Und sie hat ja nie so… Sie hängt sich da nicht so auf wie ich, habe ich das Gefühl. Vielleicht auch von Person zu Person unterschiedlich. Aber man sieht halt, wie viel Unterstützung sie jetzt braucht mit 86, die halt nicht der Staat übernehmen kann, weil niemand, also die wenigsten Leute sind so reich, dass sie sich das wirklich hundertprozentig leisten können. Das ist vielleicht noch eine Sache. Pflegepersonal besser bezahlen, aber gleichzeitig die Pflege selbst nicht so teuer machen.

[Lotta (en/they)] (34:06 min) Ja, was mir noch eingefallen ist zum Stichwort Kinder. Könntest du es dir vorstellen, später mal Kinder zu haben, vielleicht? Also vielleicht keine eigenen Kinder dann, aber durchaus zum Beispiel Adoption.

[Lea (sie/ihr)] (34:19 min) Das ist ein bisschen ein schwieriges Thema bei mir, wo ich mir selber nicht einig bin. Also hätte man mich gefragt vor einigen Jahren, sechs oder sieben, hätte ich gesagt, auf jeden Fall ja, ich möchte ganz unbedingt Kinder haben. Es gibt ja dieses schöne Modell von Co-Parenting, wo man dann eine andere Person, mit der man auf irgendeine andere Weise in Beziehung ist, wenn man ein Kind zusammen aufzieht, das kann dann entweder ein biologisches Kind der beiden sein, oder es kann eine Samenspende sein, oder es kann auch ein adoptiertes Kind sein. Damit hatte ich mich eine Zeit lang beschäftigt, als ich dachte, ja, ich möchte unbedingt ein Kind haben, aber ich weiß nicht, wie sehr relevant das im Moment jetzt noch für mich ist. Wird sich wieder zeigen. Im Moment würde ich sagen eher nicht. Gerade bin ich auf dem Trips, um eine alte Dame zu werden mit so 30 Katzen. 

[Lotta (en/they)/Franca (sie/ihr)] (35:15 min) Oh ja, sehr sympathisch. (/g)

[Lea (sie/ihr)] (35:16 min) Genau, das bin dann ich irgendwann.

[Franca (sie/ihr)] (35:20 min) Hast du auch Pflanzen zu Hause?

[Lea (sie/ihr)] (35:22 min) Ja, Pflanzen hab ich auch. Pflanzen, ganz viele Vorhänge und Teppiche und 30 Katzen. Das ist jetzt gerade mein Bild von mir im Alter.

[Lotta (en/they)/Alan (er/ihm)/Franca (sie/ihr)] (35:50 min) Das klingt doch auch nicht schlecht. Ja, absolut.

[Lotta (en/they)] (35:32 min) Ja, wir sind auch schon fast am Ende mit Blick auf die Uhr. Gibt es denn noch irgendwas, was du uns mitgeben möchtest oder den Menschen, die sich diesen Podcast anhören?

[Lea (sie/ihr)] (35:46 min) Offen sein, glaube ich. Das betrifft ja jetzt nicht nur das a*-Spektrum, sondern alle möglichen. Einfach offen sein zu anderen Lebens-… Lebensform klingt so, als wären wir keine Menschen mehr. Zu anderen Lebenswirklichkeiten eben und schauen, wie man die Leute im eigenen Umfeld unterstützen kann im eigenen Umfeld, die eben nicht den ganzen Normen, wie auch immer die jetzt heißen, ich habe das schwedische Wort leider wieder wieder vergessen, die dem jetzt dann halt nicht so nachkommen können. Aber ansonsten, ich glaube, allein dadurch, dass man sich den Podcast anhört, ist man da ja schon offen drüber und das finde ich auch sehr schön.

[Franca (sie/ihr)] (36:25 min) Ja, auf jeden Fall.

[Lotta (en/they)] (36:28 min) Das war doch jetzt ein echt schönes Schlusswort. Vielen Dank dir, Lea, dass du heute dabei warst und vielen Dank auch für deine Offenheit, für die bereichernden Einblicke in dein Leben. Also mir hat es großen Spaß gemacht. Ich denke, den anderen auch.

[Franca (sie/ihr)/Alan (er/ihm)] (36:39 min) Auf jeden Fall. Ja. Ja, danke dir, Lea.

[Lea (sie/ihr)] (36:42 min) Danke, dass ich dabei sein durfte.

[Lotta (en/they)] (36:51 min) Das war auf jeden Fall ein richtig spannendes Interview und danke nochmal an Lea, dass sie da so offen ihre Erfahrungen mit uns geteilt hat.

[Alan (er/ihm)] (36:57 min) Wir sind auch schon fast am Ende der Folge angekommen und ich muss sagen, ich habe ganz viele neue Gedanken dazu bekommen. Lotta, was hat dich denn am meisten zum Nachdenken angeregt?

[Lotta (en/they)] (37:07 min) Da muss ich echt mal kurz nachdenken und nochmal alles rekapitulieren, weil wir haben echt eine ganze Menge besprochen. Ich denke, was mir auf Anhieb jetzt als erstes einfällt und was mich vielleicht auch am meisten zum Nachdenken noch angeregt hat oder mich auch so ein bisschen schockiert hat, ist die Geschichte von deiner Mutter, Franca. Diese Ungerechtigkeit eben tatsächlich, dass Paare nur dann eine künstliche Befruchtung haben konnten, wenn sie verheiratet waren. Also diese Hierarchisierung von verschiedenen Beziehungen, die man da auch hat. Welche Beziehung jetzt mehr wert ist, also dass eben eine verheiratete also eine Beziehung, in der man verheiratet war, in dem Sinne mehr gezählt hat, dass man irgendwie gesagt hat, ja, ihr seid verheiratet, deswegen liebt ihr euch wirklich, deswegen glauben wir auch, dass ihr zusammenbleibt und Kinder großziehen könnt und deswegen dürft ihr jetzt so eine künstliche Befruchtung haben und wenn ihr nicht verheiratet seid, geht das nicht. Alan, worüber denkst du denn gerade nach?

[Alan (er/ihm)] (38:05 min) Ich finde es interessant, dass von uns einerseits allen erwartet wird, eine Beziehung zu führen, aber eben nur eine monogame, heterosexuelle und heteroromantische Beziehung. Es heißt immer, ja, du musst eine Beziehung haben, sonst kannst du nicht glücklich sein. Zum Beispiel wenn du eine Beziehung hast, die ein bisschen aus der Norm rausfällt. Das ist ja aber nicht so, dass die falsche Beziehung… Du musst genau die richtige Beziehung führen, weil einerseits die Beziehung das Beste ist, was du machen kannst, aber andererseits, wenn du es falsch machst, dann halt auch plötzlich nicht mehr.

[Franca (sie/ihr)] (38:33 min) Das ist auf jeden Fall richtig interessant und ich glaube, da haben wir jetzt auch schon wieder ein Thema für eine weitere Folge, weil ich fände es super spannend, sich auch mal anzuschauen, welche alternativen Beziehungskonzepte es eigentlich gibt und wie Gesellschaft eben auf diese, zwar Beziehungen, aber wie du eben gesagt hast, vielleicht nicht monogam, nicht heterosexuell, nicht heteroromantisch schaut. 

[Lotta (en/they)] (38:52 min) Ja, auf jeden Fall. 

[Franca (sie/ihr)] (38:54 min) Ja. Und ich muss sagen, mir geht noch was anderes durch den Kopf. Und zwar fand ich das einfach sehr, sehr, ja auch einfach sehr, sehr spannend für mich nochmal Leas Perspektive kennenzulernen. Die Perspektive einer Person, die eben in einer Welt lebt, in der Beziehung eine Norm ist, aber selber keine Beziehung führt. Und ich fand es sehr, sehr berührend auch zu erleben, welche Schwierigkeiten sie damit hatte und hat und ja, wie unglaublich wie unglaublich bedeutend einfach diese Norm für uns alltäglich ist. Und ja, da ich eben jetzt selber gerade eine Beziehung führe, merke ich auch immer wieder, wie wichtig es ist für mich, diese Beziehung eben nicht als Norm zu sehen und auch einfach für mich persönlich darauf zu achten, dass ich diese Beziehung nicht anders priorisiere als meine Freund*innschaften, weil eben für mich einfach eine Beziehung eine Form von menschlicher Verbindung ist, aber eben eine menschliche Verbindung, die ich auch mit anderen Menschen eingehen kann. Und ja, ich möchte da auf jeden Fall nicht dieser Norm nachkommen und das dann zum Beispiel bezüglich der Zeit, die ich mit den Personen verbringe, unglaublich anders priorisieren, weil ich eben einfach weiß, dass es Menschen gibt, die keine Beziehung führen und mit denen möchte ich ja auch Zeit verbringen. Also, das hat mich auf jeden Fall nochmal persönlich sehr zum Nachdenken angeregt.

[Lotta (en/they)] (40:06 min) Stichwort Priorisierung von verschiedenen zwischenmenschlichen Beziehungen. Das ist die perfekte Überleitung zu unserem “Piece of Cake” für euch. Vielleicht haben es ja einige von euch schon mitbekommen, dass im Koalitionsvertrag es ein Absatz über die sogenannte Verantwortungsgemeinschaft gibt. Damit soll es dann zwei oder mehr Personen ermöglicht werden, rechtlich füreinander Verantwortung zu übernehmen, ohne gleich eine romantische Liebesbeziehung führen zu müssen.

[Franca (sie/ihr)] (40:30 min) Und ob ihr es glaubt oder nicht, dieser Vorschlag kam sogar von der FDP.

[Lotta (en/they)] (40:34 min) Und auch wenn jetzt im Koalitionsvertrag noch nicht genauer spezifiziert ist, auf wen genau dieser Absatz anwendbar ist und auch nicht, welche Rechte das konkret erfasst, wie es ja eigentlich immer ist, dass es noch immer recht ungenau ist und auch nicht klar ist, wann das überhaupt durchgesetzt werden soll. Ich finde, es ist doch immerhin ein Anfang.

[Alan (er/ihm)] (40:53 min) Das klingt jetzt auch nicht so umwerfend fortschrittlich. Aber es war das allererste Mal, dass so etwas in einem Koalitionsvertrag steht. Und es zeigt doch, dass die Politik zumindest das Thema irgendwo im Blick hat und es nicht komplett vergessen wird. Und das macht doch schon mal Hoffnung für die Zukunft.

[Franca (sie/ihr)] (41:12 min) Ja, auf jeden Fall. Ja, und ich glaube, das ist tatsächlich auch ein ganz guter Punkt, um die Podcast-Folge nun endgültig zu beenden. Aber es gibt bereits eine zweite Folge. Und für diese zweite Folge haben wir uns auch etwas ganz Besonderes für euch ausgedacht. Und zwar habe ich für das nächste Mal meinen Freund mitgebracht, mit dem ich jetzt schon seit etwa zwei Jahren eine alloromantisch-asexuelle Beziehung führe. Und ja, in der Folge geht es dann vor allem darum, welche Herausforderungen und Chancen sich für uns aus dieser Beziehung ergeben und wie wir damit am besten umgehen.

[Lotta (en/they)] (41:43 min) Das war’s jetzt aber für heute. Wir hoffen, ihr hattet genauso viel Spaß wie wir und wir würden uns sehr freuen, wenn ihr bei der nächsten Folge auch wieder dabei seid.

[Lotta (en/they)/Alan (er/ihm)/Franca (sie/ihr)] Hoşçakal! Vale! Bis bald!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert